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Full text of "Goldsmiths Einfluss in Deutschland im 18. Jahrhundert"

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fioldsmiths Einfluss in Deutschland 



im 18. Jahrhundert. 



Inaugural-^isserfafion 



zur 



Erlangung der Doktorwürde 



einer 



hohen philosophischen Fakultät 



der 



"Ruprecht-Karls-UniversitSt zu j^eidelberg 



vorgelegt von 



Jfertha Soilas 

aus Cambridge. 



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}feldelb«r0. 

Buchdruckerei von \{dir\ l^össler 

1903. 



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Einleitung. 



Im September 1770, auf der Treppe des Gasthofes „zum 
Geist" in Strassburg, trafen sich zufallig Herder und Goethe 
zum ersten male. Aus dieser flüchtigen Begegnung entwickelte 
sich zwischen dem jungen Studenten und dem an Jahren und 
künstlerischer Reife überlegenen Kritiker ein lebhafter geistiger 
Verkehr. Der anregenden Persönlichkeit Herders wurde es nicht 
schwer, auf den empfänglichen Geist Goethes jenen Enthusias- 
mus für die ihm am Herzen liegenden litterarischen Interessen 
zu übertragen, der in dem dichterischen Schaffen des letzteren 
noch lange nachwirken sollte. Auf diese Weise wurde die 
Aufmerksamkeit Goethes auf die englische I^itteratur gelenkt, 
und unter anderem auf den englischen Roman. Herder brachte 
nach Strassburg die Uebersetzung eines Buches mit, das er 
selbst als „eins der schönsten" bezeichnet „die in irgend einer 
Sprache existieren" : Oliver Goldsmiths „Vicar of Wakefield". 
Beseelt von dem Wunsche „sein Gutes anderen mitzuteilen", 
dessen Ausführung ihm zu gleicher Zeit die Einsamkeit seines 
Krankenzimmers erhellen sollte, las er es Goethe und Peglow 
vor, indem er auf die künstlerischen Schönheiten des Werkes 
hinwies. 

Um die Stellung und Wirkung dieses Buches in Deutsch- 
land zu verstehen, muss man bis in die vierziger Jahre zurück- 
greifen. Die Beliebtheit der moralischen Wochenschriften war 
zu jener Zeit schon im Abnehmen begriffen, um dem neuen 
Einfluss des englischen Romans, welchem sie gewissermassen 
den Weg gebahnt hatten, das Feld zu räumen. Auch die Ein- 
führung des bürgerlichen Dramas, mit welcher Lessing etwas 
später hervortrat, trug dazu bei, dem Familienroman in Deutsch- 
land den Eingang zu erleichtern. Hierdurch wurde ein Inter- 



esse für das RsujiiHeHieben; de^ Mittelstandes wachgerufen, und 
Könige und Prinzessinnen behaupteten nicht mehr die Allein- 
herrschaft. 

In England, wo seit den Tagen Steeles und Addisons die 
didaktische Richtung in der Litteratur geherrscht hatte, wurde 
eine neue Periode mit dem Auftreten Richardsons eingeleitet. 
In seinen Werken findet sich der Uebergang vom lychrhaften 
zum Genialen. Für den bald nach Deutschland eindringenden 
neuen Geist war er das am weitsten verbreitete und einfluss- 
reichste Vorbild; wenn er vSich in seinem eignen Lande schon 
eines ungemein grossen Leserkreises erfreute, hatte er hier wo- 
möglich noch mehr Boden gewonnen. Seine Bedeutung be- 
steht darin, dass er die intimsten seelischen Vorgänge des 
Menschen mit feinstem Verständnis darzustellen vermag, wo- 
bei noch das Ganze von einer beinah übertriebenen morali- 
sierenden Tendenz durchdrungen ist. Die Reaktion gegen 
dieses Unnatürlich-Tugendhafte von Richardson zeigt sich in 
den Werken Fieldings, Smollets und Sternes, die stark rea- 
listisch und humoristich gefärbt sind. Vielen ihrer deutschen 
Nachahmer gelingt es, die Eigentümlichkeiten beider Richtungen 
in ihren Werken zu verbinden. 

Gellerts „Leben der schwedischen Gräfin von G.^ ist der erste 
deutsche Roman, welcher unter dem Einfluss Richardsons ver- 
fasst wurde. Es folgten die Werke von Miller und Sophie von 
la Roche, während Hermes in gleichem Masse aus Richardson 
und Fielding schöpft. 

Die Herrschaft Richardsons, sowie die Reaktion gegen ihn 
spiegeln sich in den Werken Wielands auf merkwürdige Weise 
wieder: mit seinem Agathon, 1761 erschienen zeigt er sich als 
Nachahmer Richardsons, aber schon 1764 hat er sich mit Don 
Sylvio von Rosalva der Richtung Fieldings angeschlossen. 

Schon vor ihm war Musäus mit einer direkten Parodie auf 
Richardsons Stil hervorgetreten, nämlich der Grandison II. der 
1760 erschien. 

In England war es einem Schriftsteller vorbehalten, die 
Empfindsamkeit Richardsons, den Humor und Realismus Fiel- 
dings und Smollets zu vereinigen, und dabei in der Eigenart 
seines Stils alle zu überragen — es war Oliver Goldsmith, der 
mit seinem „Landprediger von Wakefield" ein in dieser Be- 
ziehung einzig dastehendes Werk schuf. 



— 7 — 

Das in der Anschauung des britischen Publikums mit der 
Persönlichkeit seines Verfassers eng verbundene Werk hat sich 
in der Gunst seiner Nation einen Platz erobert, den es wohl 
nie verlieren wird. 

Goldsmith, der schwerfällige, empfindliche Irländer, bleibt 
trotz dem Leichtsinn, trotz der Sorglosigkeit und der Unbe- 
ständigkeit, wodurch er mit seinem Leben Schiftbruch litt, 
doch mit seiner einfachen Freundlichheit, mit seiner Harm- 
losigkeit, Bescheidenheit und Milde, eine der liebenswürdigsten 
und rührendsten Gestalten in der englischen Litteratur. 

„Dies Ding hat wohl hundert Fehler" schrieb er im Vor- 
wort zum „Vikar", und es wäre leicht Unwahrscheinlickeit und 
Inkonsequenz in der Geschichte aufzudecken ; aber diese Fehler 
sind, wie die des Verfassers, meist äusserlicher Art, und ent- 
springen derselben Quelle. Goldsmith war nicht der Mann 
eine Fabel sorgfaltig zu motivieren und logisch auszuführen; ihm 
war es leichter die Mängel nachher graziös zu entschuldigen. 
Und in einem solchen Werke sind derartige Fehler auch nicht 
von Bedeutung, trotz alledem bleibt es das vollkommenste Bild 
des englischen Familienlebens, das wir besitzen. Die Atmos- 
phäre; wie die Charaktere, sind lebenswahr, dabei ist das ganze 
poetisch angehaucht, und in eine Sprache gekleidet wie sie 
nur Goldsmith besass, klar, leicht dahinfliessend, melodisch und 
anmutig; denn, wie Garrick sagte „er schrieb wie ein Engel". 

Geselle man dieser Lebenswahrheit und diesem Stil noch 
ein Element bei, den naiven Humor, der uns überall überrascht 
und ergötzt, so hat man schon das Wesentliche beisammen, 
um die Beliebtheit des „Vicars" zu erklären. Aber ein weiteres 
Moment, welches beim ersten Erscheinen des Romans der 
ausserordentlichen Wirksamkeit desselben beitrug, darf nicht 
ausser Acht gelassen werden, nämlich, die Neuheit des Stoffes. 
Denn die Idee, eine Landpfarre zum Mittelpunkt einer Erzäh- 
lung zu machen, bleibt doch Goldsmiths Eigentum, wenn wir 
auch freie Stoffentlehnung sonst überall zugestehen müssen, i) 

Diese Idee weiss er geschickt auszuführen, indem er die 
reinen Sitten des ländlichen Ortes in wirksamen Kontrast zu 
den Lastern der Grosstadt stellt — wir sehen einen meister 
lieh durchgeführten Gegensatz zwischen dem ruhigen Leben 



1) Wüli Fischer, Goldsmiths Vicar of Wakefild, Anglia. 1902. 



— 8 — 

der Pfarrfamilie und der bewegten Handlung, die sich um die- 
selbe her abspielt, und in die sie allmählich hineingezogen wird. 
Die Art wie, durch die Kunst des Erzählers, das kleine Reich 
dieser in engem Kreis sich bewegenden Menschen beständig 
mit der grossen Welt in Berührung gebracht wird, erhält unser 
Interesse stets rege. Mit Ausnahme von „Robinson Crusoe" 
ist dieser englische Roman der einzige des 18. Jahrhunderts, 
der vor dem Richterstuhl des modernen Geschmacks noch 
Gnade findet; noch heutzutage wird der „lyandprediger" mit 
Vergnügen gelesen, und das Verständnis für seine Schönheiten, 
welche die damalige Welt entzückten, ist bis in die Jetztzeit 
hinein kaum vermindert. 

Der Einfluss dieses Werkes auf die deutsche Litteratur des 
18. Jahrhunderts, der ebenso tief wie nachhaltig war. soll den 
Gegenstand der vorliegenden Abhandlung bilden. Die anderen 
Werke Goldsmiths mögen, in Bezug auf ihre Aufnahme in 
Deutschland auch nicht ganz unerwähnt bleiben, denn es wäre 
in der That schwer, ein einzelnes Werk von Goldsmith zu be- 
handeln, ohne die anderen in Betracht zu ziehen, da dieselben 
Ideen sich in allen seinen Schriften wiederholen. 



Uebersetsungen des ^^Yiear of Wakefleld'^ 

Zu keiner Zeit war die Uebersetzungskunst von solch weit- 
tragender Bedeutung in der deutschen Litteratur als im 18. 
Jahrhundert. Der immer noch mächtig fliessende Strom von 
XJebersetzungen aus dem Französischen erhielt. jetzt einen be- 
trächtlichen Zufluss durch das Uebersetzen englischer Schrift- 
steller, deren Beliebtheit in stetem Wachsen begriffen war. 
Dieses war um so nötiger, da die Kenntnis der englischen 
Sprache keine so verbreitete war, wie die der französischen. 
Erst in den letzten Decennien des Jahrhunderts wurde diese 
Kenntnis allgemein, und es begegnet uns dann nicht selten die 
auffallende Erscheinung, dass englische Werke deutche Aus- 
gaben in englischer Sprache erlebten. "^ " 

Es ist nicht verwunderlich, dass das Verlangen des Publi- 
kums nach Uebersetzungen aus dem Englischen, welches sich 
zeitweilig ins Unmässige steigerte, auch schlechte Uebertrag- 
ungen unbedeutender Werke hervorrief; schon Lessing prote- 



— 9 — 

stiert gegen diese überflüssigen Erscheinungen: „Was haben 
Sie nicht schon alles übersetzt, und was werden Sie nicht noch 
übersetzen!" i) 

Die Uebersetzungen der grossen englischen Romandichter 
kamen jedoch einem wirklichen Bedürfnis der Zeit entgegen: 
„Dank" sagt Herder — „jedem guten Uebersetzer guter bri- 
tischen Humoristen. Und wir wissen alle, wem wir in Deutsch- 
land hierbei Dank zu sagen haben, dem Uebersetzer Yoriks, 
Sterne, Fieldings, SmoUets, Goldsmiths, Cumberland u. f. Die 
Bode'schen Uebersetzungen der empfindsamen Reisen, des 
Tristram-Shandy, Thomas Jones, Humphrey Klinkers, des 
Landpriesters von Wakefield, des Westindiers sind in aller 
Händen." 2) 

Bode war zu seiner Zeit als der beste Uebersetzer aus dem 
englischen anerkannt. Er übertrug die Schriften von Moore, 
Colman, Sterne und SmoUet, und den „Tom Jones" von Fiel- 
ding. Zu gutem Glück kam auch der „Vicar", und zwar schon 
vor dem „Tom Jones" in seine Hände^ und indem er einer 
deutschen Bearbeitung den Glanz seines Namens lieh, ebnete 
er dem Buche den Weg zu grösster Verbreitung. Diese Ueber- 
setzung, welche 1776 erschien, ist die beliebteste des 18. Jahr- 
hunderts gewesen, wie die vielen Auflagen und Nachdrucke 
beweisen. Aber schon vor der seinigen war eine Uebersetzung 
erschienen, welche dieser fast ebenbürtig war. Der „Vicar 
of Wakefield" wurde am 27. März 1766 zu London veröffent- 
licht (eine zweite Auflage im Mai, eine dritte im August). Ein 
Jahr später erschien in Deutschland „Der Landprediger von 
Wakefield, ein Märchen, das er selbst soll geschrieben haben. 
Aus dem Englischen. Sperate miseri, cavete felices! „Leipzig 
bei M. G. Weidmanns Erbe und Reich 1767"; Titel Vignette, 
8®, Ss.. 302. Diese Uebersetzung ist von Joh. Gottfr. Gellius, 
der auch Lillo und Sterne übertrug. Die Grundlage ist nicht 
die erste englische Ausgabe vom 27. März, sondern eine der 
späteren mit ihren Verbesserungen. Eine zweite Auflage er- 
folgte, welche der ersten völlig gleich war. Fast ein Jahrzehnt 
später wurde diese erste Uebersetzung durch die von Bode 
verdrängt, welche unter dem Titel erschien, „Der Dorfpfarrer 



1) Litteraturbriefe 2. 

2) Saphan Bd. 17, S. 250, Briefe zu Beförderung der Hamanit&t. 



— 10 — 

von Wakefield. Eitle Geschichte, die er selbst geschrieben 
haben soll. Von neuem verdeutscht: Leipzig, bei Weide- 
manns Erben und Reich. 1776". Titelvignette und Kupfer- 
stich von Chodowiecki, S^ Ss. XVI, 367; „der Hochgeborenen 
Gräfinn Caritas Emilia, Gräfinn BernsdorfF, gebohrne von 
Buchwald" gewidmet. Dieses ist die erste Ausgabe des Werkes, 
welche Bilder enthält; in England selbst wurde es erst vier- 
zehn Jahre später mit Illustrationen versehen. /Eine „zweite 
verbesserte Auflage" dieser Ausgabe erschien 1777: in dem- 
selben Jahre wurde ein genauer Abdruck der ersten Auflage 
vom Jahre 1776 in der „Sammlung der besten neuern eng- 
lischen Schriftsteller, 18. Band" veröffentlicht; „Der Dorf- 
prediger von Wakefield. Eine Geschichte, die er selbst ge- 
schrieben haben soll. Von neuem verdeutscht" Titelvig^nette, 
Frankfurt und Höchst in der Gollnerischen Buchhandlung 1777/ 
(Neue von Bode übersetzte Ausgabe) 8^. 1780 erschien ein 
zweiter Nachdruck „Frankfurt und Leipzig" (nach Jördens 
Lexikon Bamberg) 8^; 1781 „Der Dorf prediger von Wakefield. 
Eine Geschichte, die er selbst geschrieben haben soll. Von 
neuem verdeuscht, 2. verbesserte Auflage. Hamburg und 
Altona" (oder vielmehr „Tübingen" Jördens). Dieser schliesst 
sich genau an die zweite Auflage von 1777 an. Noch eine 
Auflage dieses Nachdrucks erschien im Jahre 1818. Vignette 
und Titelkupfer von G. Endner. 

Sowohl die erste von Gellius übersetzte Ausgabe, wie auch 
die zweite von Bode sind treue, doch keineswegs wörtliche 
Uebertragungen. Die Uebersetzung von Bode ist vielleicht 
etwas freier und mehr dem deutschen Sprachgebrauch ange- 
passt als die von Gellius. Einzelne Redewendungen werden 
von den beiden häufig anders gegeben ; aber wenn man in be- 
stimmten Fällen dem einen oder dem anderen den Vorzug 
geben darf, so wäre es im Ganzen doch schwer zu unter- 
scheiden, auf welcher Seite das grössere Verdienst liegt. Einen 
scharf ausgeprägten Stil muss man beiden absprechen. Als 
Beispiel dürfte folgende Stelle dienen. Im Original lautet es: 

„As we lived near the road, we often had the traveller or 
stranger visit us, to taste our gooseberry wine for which we 
had great reputation; and I profess, with the veracity of an 
historian, that I never knew one of them find fault with it- 
Our Cousins too, even to the fortieth remove, all remembered 



— 11 — 

their affinity, without any help from the herald's office, and very 
frequently, came to see us. Some of them did us no great 
honouf by these Claims of kindred, as we had the blind, the 
maimed and the halt among the number.'' 

In der ersten Uebersetzung lautet diese Stelle folgender- 
massen: „Da wir nahe an der Strasse wohnten, hatten wir oft 
Besuch von Reisenden oder Fremden, die unseren Johannis- 
beerwein kosten wollten, wegen dessen wir in grossem Rufe 
waren ; und ich betheure es mit der Wahrhaftigkeit eines Ge- 
schichtsschreibers, ich habe keinen einzigen gefunden, deretwäs 
daran auszusetzen gehabt hätte. Auch unsere Vettern, sogar 
die bis in den vierzigsten Grad, erinnerten sich alle ihrer Ver- 
wandtschaft, ohne dass sie einer Nachfrage im Heroldsamte 
be4ttrft hätten, und kamen oft, uns zu besuchen. Zwar machten 
uns einige davon keine grosse Ehre durch ihren Anspruch auf 
die Verwandtschaft; denn es waren unter der Anzahl manche 
räudige Schafe.'' 

In der zweiten Uebersetzung wird die Stelle so wieder- 
gegeben: „Wir wohnten so nahe an der Landstrasse, dass wir 
oft von Fremden und Reisenden besucht wurden, um unseren 
Johannisbeerwein zu kosten, weswegen wir weit und breit be- 
kannt waren; und ich gestehe es, mit der Wahrheitsliebe eines 
Geschichtsschreibers, dass ich keinen darunter wüsste, dem er 
nicht gut geschmeckt hätte. Auch unsere Vettern und Ver- 
wandten, bis über das siebente oder Nägelglied hinaus, 
waren ihrer Beysippe eingedenk, ohne sich durch Trau- oder 
Taufscheine daran erinnern zu lassen, und kamen oft zum Be- 
such zu uns. Einige darunter machten uns durch ihre Sip- 
schaft freylich nicht viel Ehre, weil Blinde, Lahme und Krüppel 
unter der Anzahl waren." 

In der ersten Uebersetzung steht der Name Goldsmith nicht ; 
in der zweiten ist die Einleitung „Olver Goldsmith" unter- 
zeichnet. 

Zwischen dem englischen Original und Bode's Uebersetzung 
bestehen keine wichtigen Unterschiede ; wo aber Bode geändert 
hat, da geschieht es aus verschiedenen Gründen ; entweder um 
den englischen Text deutschen lycsern verständlicher zu machen, 
und in besserem Idiom wiederzugeben, oder auch seltener aus 
Missverständnis des englischen. 



— 12 — 

Ein paar Beispiele dürften genügen : 

Kap. V. heisst es im Original : „while one played, the other 
would sing some soothing ballad, Johnny Armstrong's Last 
Goodnight, or the Cruelty of Barbara Allen." 

„Derweile der eine spielte, sang der andere ein wackres 
altes Iviedlein dazu, als „stürmt, reisst, und rast ihr Unglücks- 
winde", oder „von allem was man schönes weiss" u. s. w. 
Diese sind wohl die Anfangszeilen der deutschen Uebersetz- 
ungen. Kap. VI. „He sung us old songs, and gave the chil- 
dren the stor>' of the Bück of Beverland, with the history of 
Patient Grizzel, the adventures of Catskin, and then fair Rosa- 
mond^s bower". 

Gellius hat an Stelle dieser Geschichtchen die deutschen 
Sagen vom gehörnten Siegfried, von dem Ritter Peter mit den 
silbernen Schlüsseln, und von der schönen Melusine ; Bode lässt 
sie ganz weg, — „er sang uns ein altes Volkslied ; dann erzählte 
er den Kindern allerlei kleine Geschichten, worin aber weder 
Gespenster noch Hexen oder Riesen vorkamen." Hier war der 
Anlass zur Aenderung wohl ein doppelter; die englischen Ge- 
schichten waren in Deutschland unbekannt, und die Gelegen- 
heit, eine moralisierende Tendenz hineinzubringen, wollte Bode 
sich nicht entgehen lassen. Letzterer Grund scheint auch bei 
der Wiedergabe anderer Stellen gewirkt zu haben; z. B. Kap. 
VII. „It may also be conjectured that my wife and daugh- 
ters expanded their gayest plumage upon this occasion". 

Gellius „ . . . Es lässt sich ferner vermuthen, dass meine 
Frau und die Töchter bei dieser Gelegenheit ihre buntesten 
Gefieder werden aufgelegt haben". Bode „ . . . ihre buntesten 
Federn in die Sonne breiteten", wo er wohl absichtlich miss- 
verstanden hat, um in einer Anmerkung eine satirische Be- 
merkung über den Federkopfputz der deutschen Frauen zu 
machen. 

An einer Stelle hat Bode eine systematische Aenderung 
im Stil gemacht; die Aeusserungen des Schauspielers nämlich, 
im Gespräch mit dem Vicar (Kap. XVIII.) die im englischen 
einfach und direkt sind, giebt er mit grossem Schwulst und 
unnötiger Wortfülle wieder, wahrscheinlich als Satire auf die 
damalige Bühnensprache; z. B.: „I fancy, Sir, „cried the player 
few of our modern dramatists would think themselves much 
honoured by being compared to the writers you mention". 



— 13 — 

jHochbelobter Herr*, deklamierte der Schauspieler, ,es 
möchten deren von unserem heutigen neuern dramaturgischen 
Autoren, nach meiner ehrerbietigsten Meinung, wohl nicht 
viele, sondern hingegen recht sehr wenige anzutreffen und zu 
finden seyn, welche es dermalen für keine besondere Ehre 
halten und aufnehmen möchten, woferne man solche mit be- 
sagten ruhmvoll benannten komischen Schriftstellern ver- 
gleichen thun wollte'. 

Kleine Missverständnisse oder Nachlässigkeiten kommen 
nicht selten vor; Kap. XVII ^the dying swain*', Gellius ^den 
sterbenden Schäfer", Bode, ^Das I/ied vom sterbenden Schwan''. 
Kap. XXI „Sign of the Harrow'', Gellius „Im Gasthof zur Egge*', 
Bode „Im roten Sperling" u. s. w. Die Abweichungen Bode's 
vom Original sind in keinem Fall aus der ersten Uebersetzung 
entlehnt, und da Gellius in mehreren Fällen richtig übersetzt, 
wo Bode missverstanden hat, so scheint es zweifelhaft, ob er 
die erste Uebersetzung überhaupt zum Vergleich herangezogen 
hat. Der Recensent im Teutschen Merkur (1776 Bd. IV) denkt 
aber anders „allein zuweilen auch . . . hat er durch die Be- 
mühung, alles anders als sein Vorgänger zu machen, und durch- 
aus dem engländischen Ausdruck eine originelle teutsche 
Wendung zu geben, dem Sinne seines Autors an Schärfe ver- 
geben und den Gedanken durch allzuvieles Herumwerfen, Be- 
handeln und Abrunden weniger hervorstechend gemacht". 

Die Recension ist sonst sehr günstig; Bode wird aber un- 
gerecht auf Kosten des ersten Uebersetzers gelobt: „Die liebens- 
würdige Naivetät des Hauptcharakters, die der Uebersetzer bis 
zum Geist und Ton der Stimme seinem Autor nachgefühlt, ist 
aufs Glücklichste übertragen, und erscheint hier im voll- 
kommenen lyicht. Die erste Uebersetzung war selten untreu, 
und dem Englischer Wortfügungen kundigen Leser an nur 
wenigen Orten unverständlich. Allein im Ganzen war sie un- 
teutsch, steif und höchst unlenksam. Herr Bode hat, so wie 
im Tristan, hier alles der lebendigen Sprache des Umgangs und 
der mündlichen Erzählung näher gebracht, und durchaus ge- 
zeigt, was unsere Sprache an mannigfaltiger Wendung und 
Biegsamkeit unter den Händen eines Mannes von Talenten 
vermag." 

Die Uebersetzungen der kleinen Gedichte, die im Roman 
vorkommen, nämlich die „Romanze", die „Elegie auf den Tod 



— 14 — 

eines tollen Hundes" und das kleine lyied von Olivie sind einer 
besonderen Erwähnung wert. Sie sind die einzige Schwäche 
der ersten Uebersetzung, wo sie in so nüchterne und platte 
Prosa übertragen sind, dass sie fast komisch wirken. 

Bei Bode ist die Uebersetzung der Romanze dem „Wands- 
becker Boten'' No. 57, 58 vom Jahre 1775 entlehnt; die von 
der Elegie und von Oliviens Lied sind wohl von Bode selbst; 
beide sind frei in Versen übersetzt. 

Auch Herder hat, wohl angeregt durch die schlechte Ueber- 
tragung der ersten Ausgabe, von den beiden letzteren Ueber- 
setzungen gemacht Oliviens Lied wurde in dem „Wands- 
becker Boten" vom Jahre 1771, No. 168 unter der Ueberschrift 
„Ein Iviedchen zur Laute** abgedruckt. Die Elegie steht im 
, »Wandsbecker Boten" vom Jahre 1771, No. 173 unter der 
Ueberschrift ,,Der gute Mann und der tolle Hund, eine rührende 
Elegie aus dem Landpriester von Wakefield", und danach ab- 
gedruckt im „Almanach der deutschen Musen" vom J. 1772. 
S. 113. 

Die Ausgaben und Uebersetzungen des „Vicar" werden 
im 19. Jahrhundert immer zahlreicher ; es wird genügen, einige 
der wichtigsten hier anzuführen. 

Schon 1769 war der Roman in englischer Sprache er- 
schienen; ,,The Vicar of Wakefield, a Tale, supposed to be 
written by himself, a new Edition, Berlin. Printed for A. My- 
lius 1769". 298 Seiten in 8«; im Jahre 1781 folgte die „first 
Edition with accents. Halle: 1833 erschien „Der Dorfpfarrer zu 
Wakefield. Ein Roman, in drei Sprachen mit Anmerkungen. Her- 
ausgegeben von Dr. C. M. Winterling". 12 ^ Ss. X. 459. Diese Aus- 
gabe enthält den englischen Originaltext, sowie Uebersetzungen 
auf englisch und französisch, und fusst (Ziegert in den Berichten 
des freien deutschen Hochstiftes zu Frankfurt am Main Bd. X 
1894) auf Wagners Ausgabe, Marburg 1828, und auf die von 
Walter Scott. Parallelstellen und Worterklärungen. 

1833 erschien „Der Landprediger von Wakefield. Eine 
Erzählung von Oliver Goldsmith. Aus dem Englischen über- 
setzt durch Karl Eduard von der Oelsnitz". Eine 2. Auflage 
folgt in demselben Jahre, eine 3. 1851, Brockhaus in Leipzig 
80 Ss. XXXH; 232. 

1836 Zweibrücken. Eine Uebersetzung von Fr. Kolb mit 
einer Nachschrift und Erläuterungen. 



— 15 — 

1840. Eine Uebersetzung von A. Diezmann im Bd. 23 der 
Klassischen Bibliothek der älteren Romandichter Englands. 
6. Auflage mit fünf Stahlstichen von Eduard Staber (nach 
einem englischen Illustrator)." 

1841. Eine Uebersetzung von Ernst Susemihl 8^ S. 272. 
Illustriert von Ludwig Richter. Die Holzschnitte sind teils von 
E. Kretzschmar, teils von NichoUs graviert. 

1866. Prachtausgabe, Berlin, mit englischem Text und 
Uebersetzung von Susemihl. Porträt Goldsmiths. Einleitung 
von Dr. Otto Roquette. 

1868. Oliver Goldsmith, Landprediger von Wakefield. 
Deutsch von Karl Eitner. Hildburghausen. Verlag des Biblio- 
graphischen Instituts. S^ Ss. 219. In der Bibliothek auslän- 
discher Klassiker. 

1873. Leipzig 4. Auflage der Prachtausgabe. Illustriert 
von Ludwig Richter und J. G. Füllhaus, mit einer biographisch- 
kritischen und litterar-historischen Einleitung von Dr. O. Roquette. 
Es giebt viele andre Auflagen dieser populären Version. 

Die Uebersetzung von Dr. Friedrich Hörlek, die in der 
Reclam'schen Bibliothek erschien, ist die jetzt am weitesten 
verbreitete Version des Landpredigers. 



Goldsmiths Einfluss in Deutschland. 

Wir haben schon die Gründe erwähnt, welche die allge- 
meine Beliebtheit des „Vicars" in England erklären. In 
Deutschland treten zu diesen noch andere Ursachen hinzu, 
welche in der hier besonders ausgeprägten leidenschaftlichen 
Parteinahme des Lesepublikums für die eine oder andere 
Richtung der englischen Schriftsteller des Tages . ihren Ur- 
sprung hatten. Schon der Zeitpunkt seines Erscheinens war 
einer begeisterten Aufnahme günstig, denn das Grandison- 
Fieber hatte bereits nachgelassen, während Sterne, dessen Er- 
folge die Popularität Richardsons in den Schatten stellten, von 
Goldsmith so verschieden war, dass der letztere leicht seinen 
Platz neben ihm behaupten konnte. Vor allem besass Gold- 
smith den Vorteil eines weisen Masshaltens, eine Eigenschaft, 
wodurch er sich einem Publikum besonders empfehlen musste, 
welches bisher nur die Wahl zwischen dem übersentimentalen 



^- 16 — 

Richardson und dem gar zu krass realistischen Fielding ge- 
habt hatte. Richardsons Charaktere waren eher künstlich con- 
struierte Ideale als lebendige Menschen. Fieldings Gestalten 
näherten sich schon viel mehr der Wirklichkeit, waren dabei 
aber zu derb. Goldsmith vermied beide Extreme, das Ge- 
suchte ebenso wie das Derbe. Das sentimentale und das rea- 
listische Element halten einander in seinem Roman so genau 
die Wage, dass keine litterarische Partei den Verfasser zu den 
ihrigen zählen durfte. 

Wenn der Roman durch seinen massvollen Stil allen 
Kreisen sympathisch sein musste, so war er auch durch sein 
Thema ganz dazu angethan, allgemeines Interesse hervorzu- 
rufen. Für Deutschland wie für England stellte er die erste 
litterarische Behandlung des I^ebens im ländlichen Pfarrhause 
dar, welche auf Bedeutung Anspruch erheben konnte. In 
Deutschland war der Boden für eine solche schon längst vor- 
bereitet, denn seit den Tagen lyUthers war die Gestalt des 
Landpfarrers stets eine beliebte gewesen. Auch die idyllische 
Stimmung, die ruhige, rein subjektive, doch von aller 
Schwärmerei freie Liebe zur Natur, und die einfache allge- 
mein verständliche lycbensweisheit des Werkes konnten eine 
Nation wie die deutsche, welche vo'n jeher zu ruhiger Be- 
trachtung neigte, nur sympathisch berühren. 

Schon aus der Zahl der Uebersetzungen lässt sich schliessen, 
dass der ^ Vicar^ in Deutschland viel gelesen wurde ; und wenn 
es noch eines Beweises für seine allgemeine Beliebtheit in den 
weitesten Kreisen bedürfte, so wäre kein triftigerer anzuführen, 
als die unzähligen Nachahmungen, welche das Werk ins Leben 
rief. Nicht als ob alle Pfarromane der Zeit direkt auf den 
Einfluss des „Vicars" zurückzuführen wären; er gab aber den 
Anlass dazu, dass der Pfarrer eine so häufig auftretende und 
allgemein beliebte litterarische Figur wurde. Die wichtigeren 
unter den direkten Nachahmungen riefen dann auch ihrerseits 
andere hervor, die oft wenig Aehnlichkeit mit dem ursprüng- 
lichen Werke hatten, das den Ausgangspunkt der ganzen 
Richtung bildete. 

Goldsmith's Einfluss ist aber nicht auf Nachahmungen be- 
schränkt, und dies ist zugleich in der allgemeinen Verständlich- 
keit und in der Bedeutung seiner Werke begründet. Er war 
ein Schriftsteller, der in seiner trotz aller dichterischen Eigen- 



— 17 - 

art schlichten, einfachen und anspruchslosen Kunst der Dar- 
stellung dem grössten Geist etwas bieten konnte, ohne dem 
beschränktesten unzugänglich zu sein. Es konnten daher seine 
Ideen leicht Gemeingut werden, und in die litterarische Pro- 
duktion der damaligen Zeit Eingang finden. So ist es wohl 
erklärlich, dass wir seinen Charakteren, seinen Motiven und 
seinen Gedanken sowohl in minderwertigen Nachahmungen, 
als auch in Werken hervorragender Grössen begegnen. 



Nachahmungen des ^^Tiear^^. 

Der Pfarroman, wie er in den Nachahmungen des „Vicar'' 
erscheint, ist von seinem englischen Vorbild in mancher Hin- 
sicht verschieden; im Spiegel des fremden Geistes hat er ein 
anderes Gepräge erhalten. 

Die Nachahmungen sind aber gerade dadurch interessant, 
dass sie uns durch die Wahl der Motive, durch gewisse Ver- 
änderungen des Stils, und durch eingefügte Zusätze zeigen, 
was dem damaligen Geschmack am meisten gefiel, und in wie 
weit Goldsmith demselben nicht Genüge that. Von diesem 
Standpunkt aus haben sogar die Werke von Vielschreibern, die 
nur auf den Kauf berechnet waren, eine Bedeutung, die ihnen 
sonst nicht zukommt. 

Wir werden sehen, dass man es oft für nötig hielt, ge- 
rade jene Elemente einzuführen, welche Goldsmith in seinem 
dichterischen Feingefühl zu vermeiden gewusst hat. Goldsmith 
hielt es für Weisheit „innocently to amuse the Imagination in 
this dream of life"; Hermes nahm als sein Motto: „lectorem 
delectando pariterque monendo". Schon diese Thatsache 
lässt uns von Hermes und seinesgleichen Werke ganz anderer 
Art erwarten, als es die Goldsmith'schen waren. Bei Gold- 
smith kommen selten moralisierende Stellen vor, die nicht 
etwas zur Handlung beitragen; und selbst da, wo. er die Lehre 
um ihrer selbst willen vorbringt, ist seine Art so anmutig, dass 
man es ihm gern verzeiht. Aber im Durchschnittsroman der 
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Deutschland ist die 
lehrhafte Tendenz einer der schlimmsten Fehler; man ist 
darauf gefasst, ihr auch da zu begegnen, wo sie nicht durch 
seitenlange Auseinandersetzungen zu klar zu Tage tritt. 

2 



— 18 — 

Auch sonst vermochten die Nachahmer nicht Goldsmiths 
künstlerisches Gleichgewicht zu beobachten; einige fallen ins 
Sentimentale, andere ins Derbe, wieder andere zeigen eine un- 
schöne Mischung von beiden. 

Unter den Pfarromanen, die den Einfluss von Goldsmith's 
„Vicar*' verraten, ist der „Sebaldus Nothanker" von Nicolai 
(1776), eines der frühesten und wichtigsten. Bei den Werken 
ist vieles gemeinsam : die Beschreibung des ländlichen I^ebens, 
die Freude an demselben, und an den Kindern; das patriar- 
chalische Verhältnis des Pfarrers zu seiner Gemeinde, seine 
Freigebigkeit und seine persönliche Teilnahme an den lyciden 
und Freuden seiner Pfarrkinder. Sowohl der Vicar, wie der 
Sebaldus haben ein theologisches Steckenpferd; der Vicar er- 
eifert sich in der Verteidigung der Monogamie, und der Sebal- 
dus in der Auslegung der Apocalypse; aus ihren lyieblings- 
theorien entspringt für beide die erste grosse Katastrophe ihres 
lyebens. 

Im ,,Sebaldus Nothanker*' haben wir die traurige Schilde- 
rung von der Verlassenheit der Familie, welche trotz der 
schwachen Gesundheit von Mutter und Tochter durch TufFelius 
aus ihrem Hause ausgewiesen werden, und nun die Gastfreund- 
schaft eines Bauern annehmen müssen. Dies erinnert an die 
ähnliche Lage der Wakefieldschen Familie nach dem Brand, 
und an die Grausamkeit, mit welcher sie ins Gefängnis geführt 
werden, obgleich der Vikar selbst, wie auch die älteste Tochter 
Olivie, schwer krank sind; — überhaupt scheinen die Nach- 
ahmer an dieser rührenden Situation grossen Geschmack ge- 
funden zu haben. 

Die fast übertriebene Ergebung im Unglück ist für den 
,, Vicar** und den „Sebaldus" gleich charakteristisch. Nur am 
Anfang aber lassen sich die beiden Werke genau vergleichen; 
mit jedem Schritte verliert sich die einfache Stimmung im 
„Sebaldus'* und er wird immer mehr zum Tendenzroman. 

Noch ein Zug bleibt zu erwähnen, den Nicolai dem „Vicar** 
entnommen hat: das Lob der Unabhängigkeit. Im ,, Vicar** 
heisst es 1) (Kap, 19) ,,Nun steht aber dem Besitzer angehäuften 
Reichtums . . . kein anderes Mittel zu Gebote, seinen Ueber- 
fluss zu verwenden, als Macht zu erkaufen, d. h. mit anderen 



1) „Der Landprediger von Wakefield" in Reclam. 



- 19 — 

Worten, er macht andere von sich abhängig, in dem er die 
Freiheit des Dürftigen oder Käuflichen erkauft, von Leuten, 
die geneigt sind, des Brodes halber die Schmach der Tyrannei 
zu ertragen . . . aber alle, die bereitwillig dazu sind, sich in 
dem Wirbel eines grossen Mannes zu bewegen, sind nur solche, 
die Sklaven sein müssen, der Abschaum der Menschheit, deren 
Seelen und Erziehung für die Knechtschaft passen, die von der 
Freiheit nur den Namen kennen," 

Die ähnliche Stelle im „Sebaldus" lautet: ,,Das unschätz- 
bare Glück der Unabhängigkeit ist durch keine anderen Vor- 
teile zu ersetzen. Man mag von dem reichsten Manne, ja, 
selbst von dem eigenen Freunde abhängen, so fühlt man doch 
die Fesseln . . . Wem das Schicksal die Unabhängigkeit ver- 
sagt, der mache sich gefasst, einigen Rechten eines freige- 
borenen Menschen zu entsagen" u. s. w. 

Der „Landprediger" von Jakob Reinhold Lenz, der im 
Jahre 1778 erschien, scheint noch stärker von „Sebaldus 
Nothanker" als von Goldsmith's „Vicar" beeinflusst zu sein, 
obschon der Verfasser am Ende des Romans Goldsmith in 
folgender Weise erwähnt: „Wenn ich Versammlungen in 
meinem Hause, jedesmal von einer andern Partei Bürger hatte, 
um auf ihre Sitten und Geschmack zu wirken ... in diesem 
bald etwas aus der Zeitung . . . bald aus einem guten Roman 
von Goldsmith oder Fielding eine ihnen begreifliche Stelle 
vorlese . . . ." 

Wenn wir sehen, wie der Held Johannes und seine Frau 
gelegentlich zur List ihre Zuflucht nehmen, um ihren Willen 
durchzusetzen, so werden wir an den „Vicar" und Mrs. Prim- 
rose erinnert. Sonst ist wenig Aehnlichkeit in der Behandlung 
der Charaktere vorhanden, und die übertriebene Empfindsam- 
keit, die bei Lenz vorkommt, ist dem „Vicar" gänzlich fremd. 

Sechs Jahre früher als Nicolais „Sebaldus Nothanker" er- 
schien ein anderes von Sophie von la Roche, einer Freundin 
Goethes, verfasstes Werk, das gleichfalls den Einfluss Gold- 
smiths zeigt. Es ist dies der Roman: „Geschichte des Fräu- 
leins von Stemheim, von einer Freundin derselben aus Original- 
papieren und anderen zuverlässigen Quellen gezogen. Heraus- 
gegeben von C. M. Wieland. Carlsruhe bey Christian Gottlieb 
Schmieder 1770. An D. F. G. R. B.« Dieses Werk wurde von 
Goethe in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen recensiert. 



— 20 — 

Der Charakter des Verführers Derby hat viel Aehiilichkeit 
mit dem jungen Thornhill; beide wenden ihre Verführungs- 
künste systematisch an vermittelst einer falschen Trauung. 
Beide zeigen sich bald nach der Entführung unter ihren ge- 
wöhnlichen Freunden wieder, damit der Verdacht nicht auf 
sie falle, beide treiben ihre Verstellung so weit, dass sie mit 
anderen darüber reden, wer der Verführer sein könne. 

Das Fräulein von Stemheim wird, wie Olivie, in ein Gast- 
haus geführt, und dort verlassen ; wie diese, wirft sie das Geld, 
das ihr der falsche Liebhaber bietet, mit Abscheu weg; und 
will sich gleichfalls nicht rächen. 

Die Art, wie der Baron von Stemheim seinen Pfarrer be- 
schreibt, und seine Ideen über zweckmässige Predigten für 
den gemeinen Mann entwickelt, ist unverkennbar durch den 
„Vicar" angeregt, „Es wäre sehr zu wünschen", sagt der Vikar 
(Kap. XXVII), „dass die Gesetzgebung mehr auf Besserung als 
auf Strenge bedacht wäre". Sternheim sagt in Bezug auf 
Justizverwaltung «... ich werde versuchen, das Vertrauen 
meiner Unterthanen zu erwerben . , . guter Rath, freund- 
liche Ermahnung, auf Besserung, nicht auf Unter- 
drückung abzielende Strafen sollen die Hülfsmittel dazu 
sein". 

Im Jahre 1780 erschien die „Geschichte eines Landpredigers 
in Westfalen, wie sie im Gange des Lebens aufstösst". Berlin 
und Leipzig bei Georg Jacob Decker. Der Roman ist mit 
breitem Humor geschrieben, und hat mit Goldsmiths „Land- 
prediger" wenig Aehnlichkeit. Nur ein Motiv ist der Erwähn- 
ung wert : der Angriff des Schulzen auf den Prediger, und die 
Verteidigung des letzteren durch die Bauern, denen er selbst 
Einhalt gebietet. 

Ein Schriftsteller, der Goldsmith sehr ausgenutzt hat, ist 
August Lafontaine. In nicht weniger als vier von seinen 
Romanen lässt sich dieser Einfluss verfolgen : „St. Julien" 1798, 
„Das Leben eines armen Landpredigers" 1801, „Der arme 
Pfarrerssohn", 1804. und „Die Pfarre an der See" 1816. 

Ueber das erste dieser Werke hat sich Wilhelm Schlegel 
in folgender Weise geäussert: „So viel ich weiss", sagt er, 
„zieht selbst das Lafontainische Publikum seinen St. Julien dem 
Fläming vor. Eben durch die Reminiscenzen ans dem Land- 
priester von Wakefield bekommt er eine bedeutendere Physiog- 



— 21 — 

nomie. Die Striche, welche den Charakter ausdrücken sollen, 
sind zwar etwas gröber gerathen, und auch nicht immer unter 
sich zusammenhängend. Es war sehr möglich, dass ein Mann 
wie der lyandprediger, sich mit allen seinen kleinen Schwächen 
schilderte. Er hatte grade Ueberlegenheit genug, um mit 
dem leisen Spott über sich selbst, der den Reiz jener Dar- 
stellung ausmacht, das Gemälde zu entwerfen. Aber St. Julien 
steht unter der Herrschaft einer Schwäche, die kein so freies 
Geständnis verträgt, weder was die innere Wahrscheinlichkeit, 
noch was die Wirkung betrifft. Die Furcht übermannt ihn, 
nicht bis zur Thorheit allein, bis zur Niedrigkeit. Der Land- 
priester giebt seine Frau für nichts anders als was sie ist; 
St. Julien erklärt die seinige für die beste Frau für ihn in 
ganz Frankreich. Alle die gemeinen Züge an ihr kann er 
damit nicht adeln, wie es sein Bestreben ist. In ihrem Cha- 
rakter sowohl wie in dem seinigen ist auf einer Seite das 
Schlechte was da ist, zu schlecht, auf der andern das Resultat, 
was herauskommen soll, zu hoch; daraus entsteht ein Miss- 
verhältnis, woran sich die Unächtheit der Erfindung er- 
kennen lässt." 

Aus dieser Kritik ersieht man, dass Lafontaine meistens 
in der Charakterzeichnung Goldsmith nachzuahmen bestrebt 
ist; aber die feinen Andeutungen, und das halb unbewusste 
Selbstbekenntnis des Vikars hat er nicht wiedergeben können. 
Der Schauplatz ist auch ein anderer ; die Geschichte spielt sich 
in den Zeiten der Revolution ab. Lafontaine hat seinen Stoff 
in eine romantische Atmosphäre gerückt, welche an ein Walter 
Scott'sches Milieu erinnert. Hierdurch aber büsst die Geschichte 
die im „Vicar'* herrschende idyllische Stimmung völlig ein. 
Der Ton des Werkes wird auch durch übertriebene Sentimen- 
talität beeinträchtigt. Eine Wendung wie: „Alle waren in 
Thränen aufgelöst und waren glücklich", ist bezeichnend für 
den ganzen Roman. 

,,Das Leben eines armen Landpredigers, herausgegeben 
von August Lafontaine, Berlin 1801" ist noch stärker an den 
„Vicar" angelehnt als „St. Julien". Der Humor des ,,Vicar*' ist 
hier mehr oder weniger bewahrt, wenn seine Wirkung auch 
wieder durch starke Beimischung von Sentimentalität ge- 
schwächt wird. Dieser letztere Zug und die Art der Darstell- 
ung der Charaktere, deren inneres Leben ausführlicher ge- 



— 22 — 

zeichnet ist als im ,,Vicar'*, weisen auf den Einfluss von 
Richardson hin, dessen „Clarissa" an einer Stelle eine nicht 
unbedeutende Rolle spielt. Die bewusste Nachahmung des 
,,Vicars'* lässt sich meist in der ersten Hälfte des Werkes nach- 
weisen, besonders von dem Punkt an, wo' das Leben der Pfarr- 
familie beschrieben wird; in der zweiten Hälfte lenkt die Ge- 
schichte wieder in andre Wege ein. 

Der Landprediger Lafontaines ist eben so naiv und zu- 
traulich wie der Vikar, und bildet sich auch dabei viel auf 
seine Menschenkenntnis ein ; wie der Vikar glaubt er seine 
Familie zu beherrschen, während er wirklich von derselben 
beherrscht wird. Auch die äusseren Umstände sind bei den 
beiden Familien ähnlich. Lafontaines Familie bringt ihre Tage 
auf gleiche Weise wie die Wakefield'sche zu ; alle arbeiten am 
Tage auf dem Felde oder im Garten, und ruhen abends in der 
Laube aus. 

Die Charaktere der beiden älteren Töchter unterscheiden 
sich in ganz ähnlicher Art wie Olivie nnd Sophie, mit dem 
Unterschied, dass hier die ältere Elisabeth, die nachgebende 
y und bescheidene ist, Auguste, die jüngere, die heitere und 

lebenslustige. Karl, der ältere Sohn, scheint den Charakter von 
Moses und gewissermassen das Schicksal von Georg zu teilen. 
„Sein Ernst, seine Majestät diente unsrer Auguste oft zum 
Gegenstand ihres Lachens und ihrer Einfälle.*' Von der 
Pedanterie des Moses hat er auch etwas abbekommen, während 
dessen Gelehrsamkeit hier auf alle Kinder übertragen ist. 

Die Beschreibung der Vorbereitungen zur Reise in die 
Stadt klingt sehr an die verschiedenen Stellen im „Vicar" an, 
wo Frau Primrose imd ihre Töchter es den Vornehmen gleich 
thun wollen; und auch hier erscheint ihr Bemühen von Miss- 
erfolg begleitet. „Ich selbst wunderte mich, als meine Frau 
mir sagte: ,Sie hätte nur darum einen Aufschub der kleinen 
Reise gewünscht, weil sie doch Zeit haben müsste, uns alle 
ein wenig in Stand zu setzen, dass wir mit Ehren in dem 
Hause eines reichen Mannes erscheinen könnten.* — ,Eines 
reichen Mannes, wie dieser? Mutter, sind unsere Kinder nicht 
reinlich gekleidet? . . . dass die Welt unsre Moden nach- 
ahmen sollten, und wir nicht die ihrigen; davon bin ich 
überzeugt.'" Hiermit vergleiche man die Bemerkungen des 
Vikars, als seine Frau und Töchter am ersten Sonntag in 




der neuen lyandpfarre in all' ihrem früheren Putz erscheinen: 
„,Ihr mögt so nett sein, wie es Euch beliebt', unterbrach ich, 
,und Ihr werdet mir nur um so lieber sein; aber dies alles ist 
nicht Nettigkeit, sondern Flitterstaat . . . Ich weiss nicht, ob 
solche Fülle von Besatz und Falbeln selbst für reiche Leute 
passt, wenn wir bedenken, dass nach massigem Ueberschlage 
die Blosse der Armut von den AusstaiFirungen der Eiteln be- 
deckt werden könnte i)'". 

Das Schicksal von Elisabeth gleicht anfangs dem der 
Olivie; sie liebt einen Baron, der von einem Onkel abhängig 
ist (hier ist aber der Neffe der gute, wenn auch leichtsinnige, 
der Onkel der böse Charakter); ihre Wahl wird von ihrem 
Vater wegen der Ungleichheit des Standes missbilligt, und er 
sucht sie, wie der Vikar Olivie, zur Heirat mit einem Pächter 
zu zwingen. 

Das tragisch-ironische Kunstmittel, wodurch der Verfasser 
seinen Helden sich auf sein Glück freuen lässt, ohne zu ahnen, 
dass ihm ein neues Unglück bevorsteht, wird hier, wie zwei- 
mal im „Vicar'' (beim Abbrennen des Pfarrhauses 2) und bei 
der Verhaftung von Georg 3) bei der Abholung des Sohnes 
zum Dienst angewandt. Georg soll nach Westindien, Karl geht 
wirklich nach Madras; beide kommen durch die List eines 
vornehmen Feindes in den Soldatenstand, und die Ursache 
dazu ist bei beiden die Liebe zu einem Mädchen höheren 
Standes, welches sie aber schliesslich heiraten. 

Dieses Werk ist genauer an den ^Vicar" angelehnt, als 
irgend ein andres des Jahrhunderts. 

Die beiden anderen Pfarromane von Lafontaine sind Ge- 
schichten, die mit dem Pfarrmotiv in nur loser Verbindung 
stehen. In dem einen genügt es, dass der Vater des Helden 
Landprediger ist, und in den ersten Seiten ein paarmal 
auftritt, um demselben den Titel zu geben »Der arme 
Pfarrerssohn, ein Seitenstück zum Leben eines armen Land- 
predigers" *). Das Werk hat mit dem „armen Landprediger" 
nichts gemein, und steht weit hinter ihm zurück. Nur ein 
paar kleine Züge, kaum des Erwähnens wert, rühren von Gold- 
smith her. Für die Einkünfte des Pfarrers, die vierzig Pfund 



1) Kap. 4. 2) Kap. 22. 3) Kap. 28. 
4) Erfurt bei Beyer und Maring, 1804. 



^ 24 — 

Sterling betragen, scheint diese Summe angesetzt in Erinnerung 
an den Pfarrer im „Deserted Village**, welcher beschrieben 
wird als „passing rieh with forty pounds a year''. Wie der 
Vicar empfindet er trotz seines kleinen Einkommens seine 
sechs Kinder nicht als eine Last, er ist vielmehr stolz auf die- 
selben als vielversprechende und nutzbringende Bürger. Ein 
Vers aus „Edwin and Angelina" wird auch citiert, mit Er- 
wähnung von Goldsmiths Namen. 

In der „Pfarre an der See** i) wird zwar die Genügsamkeit 
und Stille des Lebens im ländlichen Pfarrhause als Ideal auf- 
gestellt, aber im übrigen bewegt sich die Geschichte in einer 
ganz anderen Sphäre. Dieser Titel scheint vom Verfasser in 
der Absicht gewählt, um seinem Buche durch die Erwähnung 
des Wortes „Pfarre" zur Popularität zu verhelfen. 

„Das Pfarrhaus zu Remsdorf, oder der hohe Lohn der 
Geduld, eine wahre Geschichte von M."^)^ hat nur entfernte 
Aehnlichkeit mit dem „Vicar", welche besteht in der Wahl des 
Themas, in der idyllischen Stimmung, und in der Geduld des 
guten, durch eine Reihe von unglücklichen Familienereignissen 
/ geprüften Pfarrers; aber der Humor des „Vicars" fehlt ganz. 

Nur eine bestimmte Situation ist dem „Vicar" entlehnt, die 
auch von anderen schon ausgenutzt worden ist: der Brand des 
Pfarrhauses, und die freundliche Aufnahme des Pfarrers und 
seiner Familie seitens der Gemeinde. In diesen Pfarromanen 
giebt es selten einen Pfarrer, dessen Haus nicht abbrennt. 

Ein andres Werk dieser Gattung: ,,Der Landpfarrer von 
Schönberg" 3) von Stephanus Kunze, Verfasser des Helden- 
gedichts „Heinrich der Löwe", ist vielleicht in Anlehnung an 
den „Vicar" entstanden. Der leichte Humor, womit die Frau 
lächerlich gemacht wird, erinnert daran, ebenso die Freude 
des Pfarrers an der stattlichen Zahl seiner Kinder, und die 
lyrischen Einlagen, die im Buche häufig vorkommen. Der 
Verfasser war mit jenen litterarischen Erzeugnissen der Zeit, 
in denen das Pfarrleben im Mittelpunkt steht, vertraut : „Unsere 
Genügsamkeit und Entsagung mancher Bedürfnisse der neuern 
Zeit machten uns ... so glücklich, dass Dichter und Roman- 



1) HaUe in der Renger'schen Buchbandlang, 1816. 

2) Hamburg bei Gottfr. Vollmer, 1807. 

3) Quedlinburg und Leipzig 1819, bei Gottfr. Basse. 



— 25 — 

Schreiber — Voss, Wieland, Lafontaine, Göthe, IfFland und 
andere, die Schilderung der häuslichen Tugenden, der Gemein- 
nützigkeit, der Genügsamkeit, der Wohlthätigkeit und der reinen 
unverdorbenen Sitten auf der Landpfarre verpflanzten''. An 
die Stelle des naiven Philosophierens des goldsmithischen „Vicars" 
tritt langweiliges Moralisieren, und praktisch-lehrhafte Aus- 
einandersetzungen. 

Die originellste von allen diesen Nachahmungen, welche 
uns noch heutzutage belustigen könnte, ist „Des Pastors Liebes- 
geschichte" von Fried. Laun^). Sie ist im fliessenden Stil ge- 
schrieben, der von einfachem Humor durchdrungen fast so 
anmutig wirkt wie der des „Vicars ;" in dieser Hinsicht ist 
diese Nachahmung die einzige, welche dem „Vicar" zur Seite 
zu stellen wäre. 

Die Fabel ist ziemlich selbständig erfunden: ein Pfarrer 
entschliesst sich, um der Armut abzuhelfen einen Roman zu 
schreiben ; um aber einen zu schreiben, muss er einen erleben. 

Auf einer zu diesem Zwecke unternommenen Wanderfahrt 
gerät er nachts in ein einsames Haus, wo er einen Roman im 
vollen Gang findet. Er wird natürlich in das Schicksal der 
beteiligten Personen verwickelt, und gerät in allerlei Schwierig- 
keiten, bis endlich alle Umstände gegen ihn sprechen, und er 
verhaftet wird. Durch das Zeugnis eines niedrigen Menschen, 
dem er geholfen hat, und der an die Figur des Jenkinson im 
,,Vicar" erinnert, gelangt er wieder zur Freiheit. So originell 
die Fabel im ganzen ist, so sind doch einzelne Züge dem 
,,Vicar" entlehnt. Des Pfarrers Verhältnis zu seiner Frau, 
obgleich viel zärtlicher wie das des Vikars zu der guten 
Deborah, ist jedoch jenem ähnlich in Bezug auf die Angst, 
welche er vor ihr empfindet, und welche der Dichter des eng- 
lischen Romans mit so köstlichem Humor schildert. Der 
Pastor wird von der Heldin seiner Liebesgeschichte beauftragt, 
einen Ring zu verpfänden ; im Pfandhaus wird dieser von einigen 
Fremden in die Hand genommen, und bewundert; als der 
Pastor ihn wieder bekommt, ist er nicht mehr derselbe. Man 
denkt sofort an den Vikar und Moses auf dem Jahrmarkt. 

Die Schlussszene erinnert uns wieder lebhaft an unseren 
„Vicar". Der Pastor und seine Frau sprechen zusammen von 
ihrer Familie, die gleichfalls aus sechs Kindern besteht, und 

1) Berlin in der Schüppcl'schcn Buchhandlung. 



— 26 — 

von denen die zwei kleinsten gegenwärtig sind. Zwei Töchter 
sind verheiratet; der eine Sohn studiert, und von dem anderen 
haben sie schon lange keine Nachricht. Hierbei lässt sich im 
Nebenzimmer ein Geräusch hören, nnd der verlorene Sohn 
erscheint. Die Trauung dieses Sohns erfolgt auf der Stelle. 
Klärchen, seine Braut, ist, wie Arabella, aus höherer Familie. 
Ihre Verwandten betreiben ihre Verheiratung mit einem Böse- 
wicht (vgl. den jungen Thornhill); dieser wird noch rechtzeitig 
entlarvt und stirbt bald darauf 

Auch die Deputation aus dem Dorf, die ein gutes Wort 
für ihren verhafteten Pastor einlegen will, erinnert an den 
Versuch der ärmsten Pfarrkinder des Vikars, demselben zu Hülfe 
zu kommen. 

Ein Roman, der sowohl an Voss' i) „Luise" wie an den „Vicar" 
erinnert, ist „Der Adjunktus des Pfarrers zu Friedau, ein Ge- 
mälde nach dem Leben" von Gustav Jördens. Die Geschichte, 
welche die glückliche Verheiratung der einzigen Tochter des 
Pfarrers mit einem jungen Geistlichen erzählt, ist offenbar eine 
Nachahmung der „Luise" Vossens; auch der Name Friedau 
scheint nach Grünau gebildet zu sein. Das Milieu, obgleich 
sehr an das idyllische Leben im ,,Vicar*' anklingend, könnte 
auch ebensogut von Voss herrühren. 

Ohne Datum erschienen ist „Die Pfarrfamilie von Kunsaden- 
dorf, eine sehr verwickelte, und doch natürliche Geschichte'*. 2) 
Das Werk hat viel Aehnlichkeit mit dem „Vicar". Es erzählt 
die Geschichte des Pfarrers und seiner Familie, die aus vier 
Töchtern besteht. Der Brand kommt auch hier vor, und die 
Pfarr-Familie wird, wie überall, von den Bauern gepflegt. 

Es wird vielleicht auffallen, dass unter diesen Nachahmungen 
kein Werk von Hermes sich findet, da man annehmen konnte, 
dass dieser Autor bei seiner besonderen Beanlagung einer Be- 
einflussung durch Goldsmith leicht hätte zugänglich sein können. 
Es lässt sich aber keine Spur davon auffinden, obgleich in 
einem seiner Romane „Für Eltern und Ehlustige, eine Geschichte'* 
1789, der Held ein Dorfpfarrer ist. 

Ein Werk muss hier erwähnt werden, das man für eine 
Nachahmung, und zwar eine sehr genaue des „Vicars" gehalten 



1) Leipzig 1825, bei Christian Ernst EoUmann. 

2) Leipzig, in Joachims Buchhandlung. 



— 27 — 

hat.O Dieses ist eine Novellette von Heinrich Zschokke, 
„Blätter aus dem Tagebuche eines armen Pfarr -Vikars von 
Wiltshire** 12 ^ Ss. 46. Die undeutlich gehaltene Vorrede, die 
er seinem Werke beifügt, hat wohl diesem Irrtum Vorschub 
geleistet. „Goldsmiths Vicar of Wakefield erschien das erste 
Mal im Jahre 1772 (sie) in London gedruckt. Man erwähnt 
dieses Umstandes, an welchen den wenigsten Ivcsern viel gelegen 
sein mag, nur darum, weil es auch möglich ist, dass der Dichter 
den ersten Gedanken zu seinem Roman aus dem British Magazine 
von 1766 geschöpft hat, wo das Tagebuch, aber eigentlich nur 
ein Bruchstück desselben von einem Vikar von Wiltshire ab- 
gedruckt stand. Das British Magazine giebt dazu die Ver- 
sicherung, dass die Echtheit des Bruchstücks unzweifelhaft, 
und nichts davon erdichtet sei. Es ist unmöglich, diese Echt- 
heit aus anderen als inneren Gründen zu beweisen. Die Leser 
müssen sich gefallen lassen, das Bruchstück auf Treue und 
Glauben hinzunehmen, vielleicht werden sie nur bedauern, dass 
es Bruchstück ist. Vielleicht ist es auch das Wichtigste aus 
dem Tagebuch und aus dem ganzen Lebenslaufe des guten 
Vikars!" Neuere Forschung 2) hat erwiesen, dass diese Erzählung 
im „British Magazine" Goldsmith selbst zum Verfasser hat, und 
daher die erste Skizze zum „Vicar*' darstellt, welche von Zschokke 
nachgeahmt worden ist. 

„The Triumph of Benevolence, or the History of Francis 
Wills", ein Buch, das in England ohne Angabe des Verfassers 
erschien, wurde ins französische und deutsche übersetzt, und 
in beiden Ländern mit dem Zusatz versehen, „von dem Ver- 
fasser des Landpredigers von Wakefield", was nur als ein weiterer 
Beweis für die Beliebtheit Goldsmiths dienen kann. 

Von Nachahmungen des „Vicars" in dramatischer Form 
ist nur eine erschienen : „Der Landprediger, ein Nachspiel von 
Friedrich Eckardt 1778". 3) Dies ist ein kleiner Einakter, im 
Rührstil geschrieben und fast ohne Inhalt. Die Pfarrfamilie 
wird in der grössten Armut und Kümmernis dargestellt, und 



1) Ziegert, Goldsmith's Eiaflnss in Deutschland, in den Berichten des 
freien deutschen Hochstiftes zu Frankfurt a. Main, Bd. X 1894. 

2) P. W. Arnes. The Supposed Source of the Vicar of Wakefield and ils 
thieatment by Zschokke and Goldsmith. 

3) „Sammlung neuer Originalstücke für das Deutsche Theater" 2. Band, 
Berlin und Leipzig, bei Georg Jacob Decker. 



— 28 — 

erwartet jede Miuute die Zwangsversteigerung, als ein Lauf er 
mit einem Geldgeschenk vom Konsistorialpräsidenten eintrifft. 
Die ganze Situation erinnert an die der Wakefield'schen Familie 
nach dem Brande, und im Gefängnis, ohne dass bestimmte 
Züge nachzuweisen wären, allenfalls die Rolle der Kinder mit 
ihren naiven Bemerkungen. 

Eine Dramatisierung von Goldsmiths ,,Vicar*' erschien 1792 
unter dem Titel „Der Dorfprediger, ein Schauspiel in fünf Auf- 
zügen, nach dem englischen Roman: ,,Der Landpriester von 
Wakefield**, von J. E. Jester*'. Man kann dieses Werk nicht 
als gelungen bezeichnen ; denn das Idyllische, sowie der Humor 
geht in der Bearbeitung ganz verloren, und nur die Intrigue, 
die schwächste Seite des Romans bleibt übrig. 

Eine Inhaltsangabe dieses Stückes wird hier auch aus dem 
Grunde nicht unangebracht sein, weil durch das Hervorheben 
der Abweichungen vom „Vicar" die Handlung dieses Werkes 
mit skizziert wird. 

Das Drama fängt mit der Reise des Moses auf den Jahr- 
markt an, wozu ihn Mutter und Töchter ausrüsten. Als er fort 
ist, unterhalten sich die lyctzteren über Herrn Burchell und seine 
ihnen als egoistisch erscheinende Abmahnung von der beab- 
sichtigten Reise der Mädchen nach London, bis der Vater er- 
scheint und ein Mittagessen im Freien vorschlägt. Die Rede 
fällt auf Herrn Thornhill : der Vikar missbilligt die Freundschaft 
der Familie mit demselben aus Gründen des Standesunterschiedes. 
Seine Frau verweist ihn auf die Güte des jungen Thornhill, 
der ihnen einmal eine Summe von htmdert Pfund zum Ankauf 
der Offizierstelle für den ältesten Sohn vorgeschossen hat — 
also eine ganz andere Reihenfolge der Begebenheiten wie im 
Roman — worauf Dr. Primrose erwidert : „Ich wollte, ich hätte 
diese Hülfe nie angenommen. Sie ist mir als Schuldenlast und 
als Wohlthat gleich drückend. Ich war thöricht genug, das für 
Grossmut zu halten, was vielleicht aus ganz anderer Absicht 
geschehen ist". Hierdurch wird der Vicar mit einem grösseren 
Masse von Selbständigkeit und klarerer Einsicht ausgestattet, 
als im englischen Vorbild; dabei aber verliert sein Charakter 
den naiven Reiz. 

Hier findet die Verhandlung zwischen Jekinson (sie) und 
Doktor Primrose, die sich im Roman auf dem Jahrmarkte ab- 
spielt, in der Pfarre selbst statt. 



— 29 — 

Der zweite Akt Beginnt mit der Ankunft des Moses vom 
Jahrmarkt, und die Entdeckung des Betrugs, den man an ihm 
begangen hat. Herr Thornhill kommt zum Thee an, wobei er 
das anonyme Billet an seine beiden Freundinnen vorzeigt. So- 
bald er fort ist, treten die beiden jüngsten Kinder ein, mit der 
Brieftasche Burchells, worin eine Abschrift des Billets sich be- 
findet. Gleich darauf kommt Burchell selbst, und während 
seines Besuches stürzt Sophie schluchzend herein, und erzählt 
die Entführung Oliviens. Fast zur gleichen Zeit bricht Feuer 
im Pfarrhause aus. Dies ist vorher schon motiviert worden, 
dadurch, dass Herr Thornhill kurz vor seinem Besuch einen 
Falken geschossen hat, und der Pfarrer dazu bemerkt; „Was für 
eine Unbesonnenheit! Mitten im Dorf! Unter Strohdächern!" 

Aus einer Scene im 3ten Akt zwischen Olivie imd Herr 
Thornhill geht hervor, dass Olivie hier ohne ihre Einwilligung 
entführt worden ist. Der Pfarrer erscheint auf Thornhills 
Schloss und wirft ihm seine Treulosigkeit vor ; Thornhill spielt 
den Unschuldigen, lässt aber eine bessere Gesinnung durch- 
schimmern. 

Am Anfang des 4ten Aktes sehen wir die Pfarrfamilie 
vor ihrem abgebrannten Haus sitzen oder schlafen. Ein Bauer 
kommt und bietet dem Pfarrer ein Haus im nächsten Dorf an, 
was er aber ausschlägt, da seine Pflicht ihm gebiete, bei seiner 
Heerde zu bleiben. Thornhill erscheint, wird vom Anblick 
des abgebrannten Dorfes ergriffen und giebt den Bauern Geld. 
Olivie kommt hier allein zurück, und erzählt, dass sie von 
Thornhill verführt, und von Burchell gerettet wurde — die 
beiden Entführungen des Romans sind hier also zu einer ein- 
zigen verschmolzen. 

Die Rollen des Vikars und seiner Frau sind in sofern um- 
getauscht, als der Doktor Olivien hart begegnet, die Mutter 
aber für sie spricht. Nun tritt Sinkins auf und fordert die Be- 
zahlung des Schuldbriefes; aber die Bauern umringen ihn und 
die Gerichtsdiener und packen sie an. Als sie vom Pfarrer 
einen Verweis bekommen, bieten sie ihm an, seine Schuld zu 
bezahlen. 

Im 5 ten Akt sitzt Dr. Primrose im Gefängnis. Er schliesst 
Freundschaft mit Jekinson, aber die Bekehrung der anderen 
Gefangenen bleibt ganz weg. Herr Burchell macht dem Doktor 
einen Besuch, iind während er sich auf einen Augenblick ent- 






— 30 — 



fernt hat, entdeckt der Gefängniswärter dem Doktor den wahren 
Stand desselben. Der Baronet Thornhill enthüllt jetzt die volle 
Niederträchtigkeit seines Neffen; dieser erscheint nunmehr, 
zeigt die äusserste Rene und erhält die Hand Oliviens, während 
der Baronet Thornhill ihre Schwester heiratet. 

In diesem Stück sind alle Charakter abgeschwächt und in*s 
Sentimentale verschönert, eine Art von Uebermalung, die ihnen 
viel von ihrer Individualität nimmt, und weit davon entfernt 
ist, zu ihrer Wahrscheinlichkeit beizutragen. 

Schon 1772 hatte J. K. Wezel die Romanze im „Vicar" 
einem Gedichte zu Grunde gelegt ,, Filibert und Theodosia, 
ein dramatisches Gedicht", I^eipzig 1772. S^. Da mir dieses 
Werk nicht zugänglich war, muss ich auf eine Betrachtung 
verzichten — es ist, allem Anschein nach nur ein äusserst 
geringwertiges Produkt. 

Nachdem wir uns bisher mit den blossen Nachahmungen 
des ,,Vicars" beschäftigt haben, Arbeiten, welche nur von 
litterarischem Werte sind, aber nicht auf dauerndes Interesse 
Anspruch machen können, wenden wir uns der Betrachtung 
desselben von Goldsmiths Einfluss zu, wie er uns auf den 
Höhen der deutschen Ivitteratur sichtbar wird. 



Ooldsmiths Einfluss auf die deutsehen Klassilien 

Zu den grössten, die Goldsmith zu seinen Bewunderern 
und Anhängern zählen darf, gehören Herder, Goethe und Voss. 
Herder verbreitete in seinen theoretischen Werken Goldsmiths 
Ruhm zuerst, aber die beiden anderen brachten in tiefgehender 
Weise seinen Geist in ihren dichterischen Schöpfungen zur 
Anschauung. 

Die frühesten Erwähnungen Goldsmiths in der deutschen 
Litteratur enthalten zwei Briefe Herders an seine Braut : (Nov. 
1770) „Haben Sie den lyandpriester von Wakefield gelesen? 
Ich lese ihn wohl jetzt zum viertenmale. Es ist eins der 
schönsten Bücher, die in irgend einer Sprache existieren, 
und sehr, sehr gut übersetzt! ... Es ist von der Seite der 
lyaune, der Charaktere, des I^ehrreichen und Rührenden ein 
rechtes Buch der Menschheit.** 






^ 31 — 

In dem folgenden Briefe sagt er wieder von dem Land- 
priester: ,,Als Roman hat er viel Fehlerhaftes, als ein Buch 
menschlicher Gesichter, Launen, Charaktere, und was am 
schönsten ist, menschlicher Herzen und Herzenssprüche, will 
ich für jede Seite so viel geben, als das Buch kostet !*' 

In einem dritten Brief schickt Herder seine Uebersetzungen 
der Lieder Goldsmiths an ^seine Braut. Auch von dem ,,Tra- 
veller" und dem „Deserted Village'* hat er Uebersetzungen 
gemacht. 

Bei der vorwiegend kritischen Beanlagung von Herder 
können wir, trotz der lebhaften, vom ,,Vicar** ausgehenden An- 
regung kein selbständiges, von derselben Zeugnis ablegendes 
Werk seines Geistes erwarten ; aber der tiefe Eindruck, den 
Goldsmiths Werke auf ihn machten, lässt sich deutlieh an den 
häufigen Erwähnungen und Citaten in seinen Schriften er- 
kennen. Auch enthalten diese eine Reihe interessanter Aeusse- 
rungen über die litterar-historische Stellung Goldsmiths in der 
deutschen Litteratur. Zum Beispiel sagt er^): „Nun konnten 
also nach und nach die drei glücklichen Romanhelden auf- 
treten, Fielding, Richardson, Sterne, die zu ihrer Zeit Epoche 
machten. So verschieden ihre Manier ist, so wenig schliessen 
sie andere glückliche Formen aus, wie Smollets, Goldsmiths, 
Cumberlands . . . zeigen." 

Und noch einmal; „Young's Nachtgedanken, Tom Jones, 
der lyandpriester haben in Deutschland Sekten gestiftet 2).*' 

Den ,,Vicar" nennt er eine Volksschrift, eine von denen, 
die das Volk erziehen, indem sie ihm ,,die lyieblingsgedanken 
seiner Seele, die geheimen Freunde seines Herzens und seiner 
Handlungsweise zu seiner Fortbildung gleichsam entwenden 3).'* 

Goldsmiths Begriff eines lyandgeistlichen ist ihm schon zum 
Ideal geworden: 

„Ich kam in die Predigt eines einfältigen Landhirten .... 
aber das Wenigste bei diesem Manne war Predigt. Handhabe 
der Religion, Haushalt der Redlichkeit und des Gottesfriedens 
in seiner "Gemeine, stilles erhabnes Muster der besten Stände 
der Welt — weiss nicht, ob der Prediger des deserted Village 



1) Suphan, Herders Werke Bd. 18, Briefe zur Beförderung der Humanität 
S. 208. Brief 99. 

2) Brief 113. 

3) Suphan Bd. 16 S. 23. 



— 32 — 

Anburn sein Bruder sein mag; aber in Gemüth und Leben 
völlig einerlei Züge!" 

Es möge sich hier gleich die Schilderung der Einwirkung 
des „Vicars" auf Goethe anreihen, da dieselbe in nächster Be- 
ziehung zu Herder steht. Wohl allgemein bekannt sind die 
Stellen, wo Goethe die Stunden schildert, die er im gemein- 
samen Genuss des „Vicars" mit Herder verbrachte, doch sind 
sie für eine richtige Schätzung des Verhältnisses Goethes zu 
Goldsmith so wichtig, dass wir berechtigt sind, sie hier wieder 
anzuführen : ,,Nun kam Herder .... kündigte uns „den Land- 
priester von Wakefield*' als ein fürtrefFliches Werk an, von 
dem er uns die deutsche Uebersetzung durch selbsteigne Vor- 
lesung bekannt machen wolle. 

Ein protestantischer Landgeistlicher ist vielleicht der schönste 
Gegenstand einer modernen Idylle ; er erscheint, wie Melchisedek, 
als Priester und König in einer Person. An den unschuldigsten 
Zustand, der sich auf Erden denken lässt, an den des Acker- 
mannes, ist er meistens durch gleiche Beschäftigung, sowie 
durch gleiche Familienverhältnisse geknüpft ; er ist Vater, Haus- 
herr, Landmann, und so vollkommen ein Glied der Gemeine. 
Auf diesem reinen, schönen, irdischen Grunde ruht sein höherer 
Beruf; ihm ist übergeben, die Menschen ins Leben zu führen, 
für ihre geistige Erziehung zu sorgen, sie bei allen Haupt- 
epochen ihres Daseins zu segnen, sie zu belehren, zu kräftigen, 
zu trösten, und, wenn der Trost für die Gegenwart nicht aus- 
reicht, die Hoffnung einer glücklicheren Zukunit heranzurufen 
und zu verbürgen. J Denke man sich einen solchen Mann, mit 
rein menschlichen Gesinnungen, stark genug, um unter keinen 
Umständen davon zu weichen, und schon dadurch über die 
Menge erhaben, von der man Reinheit und Festigkeit nicht er- 
warten kann; gebe man ihm die zu seinem Amte nöthigen 
Kenntnisse sowie eine heitere, gleiche Thätigkeit, welche sogar 
leidenschaftlich ist, indem sie keinen Augenblick versäumt, das 
Gute zu wirken — und man wird ihn wohl ausgestattet haben. 
Zugleich aber füge man die nöthige Beschränktheit hinzu, dass 
er nicht allein in einem kleinen Kreise verharren, sondern auch 
allenfalls in einen kleineren übergehen möge ; man verleihe 
ihm Gutmüthigkeit, Versöhnlichkeit, Standhaftigkeit, und was 
sonst einem entschiedenen Charakter Löbliches hervorspringt, 
und über dies Alles eine heitere Nachgiebigkeit und lächelnde 



- S'S - 

Duldung eigner und fremder Fehler: so hat man das Bild 
unseres trefflichen Wakefield so ziemlich beisammen. 

Die Darstellung dieses Charakters auf seinem Ivcbensgange 
durch Freuden und Leiden, das immer wachsende Interesse der 
Fabel durch Verbindung des ganz Natürlichen mit dem Sonderbaren 
und Seltsamen macht diesen Roman zu einem der besten, die 
je geschrieben worden, der noch überdies den grossen Vorzug 
hat, dass er ganz sittlich, ja im reinen Sinne christlich ist, die 
Belohnung des guten Willens, des Beharrens bei dem Rechten 
darstellt, das unbedingte Zutrauen auf Gott bestätigt und den 
endlichen Triumph des Guten über das Böse beglaubigt, und 
dies alles ohne eine Spur von Frömmelei oder Pedantismus. 
Vor beiden hatte den Verfasser der hohe Sinn bewahrt, der 
sich hier durchgängig als Ironie zeigt, wodurch dieses Werkchen 
uns ebenso weise als liebenswürdig entgegenkommen muss. 
Der Verfasser, Doctor Goldsmith, hat ohne Frage grosse Ein- 
sicht in die moralische Welt, in ihren Wert und in ihre Ge- 
brechen; aber zugleich mag er nur dankbar anerkennen, dass 
er ein Engländer ist, und die Vortheile, die ihm sein I^and, 
seine Nation darbietet, hoch anrechnen. Die Familie, mit deren 
Schilderung er sich beschäftigt, steht auf einer der letzten 
Stufen des bürgerlichen Behagens, und doch kommt sie mit 
dem Höchsten in Berührung; ihr enger Kreis, der sich noch 
mehr verengt, greift durch den natürlichen und bürgerlichen 
Lauf der Dinge in die grosse Welt mit eiiij^auf der reichen 
bewegten Woge des englischen Lebens schwimmt dieser kleine 
Kahn, und in Wohl und Wehe hat er Schaden oder Hilfe von 
der ungeheuren Flotte zu erwarten, die um ihn hersegelt. 

Ich kann voraussetzen, dass meine Leser dieses Werk 
kennen und im Gedächtnis haben; wer es zuerst hier nennen 
hört, sowie Der, welcher aufgeregt wird, es wieder zu lesen, 
beide werden mir danken .... Gedachtes Werk hatte bei mir 
einen grossen Eindruck zurückgelassen, von dem ich mir selbst 
nicht Rechenschaft geben konnte; eigentlich fühlte ich mich 
aber in Uebereinstimmung mit jener ironischen Gesinnung, die 
sich über die Gegenstände, über Glück und Unglück, Gutes 
und Böses, Tod und Leben erhebt, und so zum Besitz einer 
wahrhaft poetischen Welt gelangt. Freilich konnte dieses nur 
später bei mir zum Bewusstsein kommen, genug, es machte 
mir den Augenblick viel zu schaffen; keineswegs aber hätte 

3 



— 34 — 

ich erwartet, alsobald aus dieser fingirteii Welt in eine ähnliche 
wirkliche versetzt zu werden.*' i) 

Dass Goethe hier die Sesenheimer Familie im Sinn hat, 
leuchtet ohne weiteres ein; es ist ebenso klar, dass in dieser 
Hindeutung die Dichtung eine grössere Rolle spielt als die 
Wahrheit, denn Goethe lernte den Landprediger kennen, erst 
nach den Stunden seiner idyllischen Liebe zu Friederike; er 
schildert jedoch die Familie so, als ob beim ersten Anblick 
ihm die Aehnlichkeit der Verhältnisse aufgefallen wäre ; „Meine 
Verwunderung war über allen Ausdruck, mich so ganz leib- 
haftig in der Wakefield'schen Familie zu finden. Der Vater 
konnte freilich nicht mit jenem trefflichen Manne verglichen 
werden ; allein wo gäbe es auch Seinesgleichen ! Dagegen stellte 
sich alle Würde, welche jenem Ehegatten eigen ist, hier in der 
Gattin dar. Man konnte sie nicht ansehen, ohne sie zugleich 
zu ehren und zu scheuen. Man bemerkte bei ihr die Folgen 
einer guten Erziehung; ihr Betragen war ruhig, heiter, frei 
und einladend. 

Hatte die ältere Tochter nicht die gerühmte Schönheit 
Oliviens, so war sie doch wohlgebaut, lebhaft und eher heftig ; 
sie zeigte sich überall thätig und ging der Mutter in allem an 
Händen. Friederiken an die Stelle von Primrosens Sophie zu 
setzen, war nicht schwer; denn von Jener ist wenig gesagt, 
man giebt nur zu, dass sie liebenswürdig sei; diese war es 
wirklich. Wie nun dasselbe Geschäft, derselbe Zustand überall, 
wo er vorkommen mag, ähnliche, wo nicht gleiche Wirkungen 
hervorbringt, so kam auch hier manches zur Sprache, es ge- 
schah gar manches, was in der Wakefield'schen Familie sich 
auch schon ereignet hatte. Als nun aber gar zuletzt ein längst 
angekündigter und von dem Vater mit Ungeduld erwarteter 
jüngerer Sohn ins Zimmer sprang, und sich dreist zu uns setzte, 
indem er von den Gästen wenig Notiz nahm, so enthielt ich 
mich kaum auszurufen: „Moses, bist Du auch da!***^) 

Noch einmal erwähnt Goethe Goldsmiths Einfluss in 
,, Dichtung und Wahrheit*' und zwar in Anknüpfung an seine 
Besprechung von „Werthers Leiden**: ,,ein kleines Gedicht, 
welches wir in unsern engern Kreis mit Leidenschaft aufnahmen, 



1) Dichtung und Wahrheit, 10. Buch Loeper Bd. II. S. 195. 

2) „ „ „ 10. „ „ S. 202 u. 203. 



— 35 — 

liess uns von nun an nichts anderes mehr beachten. Das 
Deserted Village von Goldsmith niusste Jedermann auf jener 
Bildungsstufe höchlich zusagen. Nicht als lebendig oder wirk- 
sam, sondern als ein vergangenes, verschwundenes Dasein ward 
Alles das geschildert, was man so gern mit Augen sah, was 
man liebte, schätzte, in der Gegenwart leidenschaftlich aufsuchte, 
um jugendlich munter Theil daran zu nehmen. Fest- und 
Feiertage auf dem lyande. Kirchweihen und Jahrmärkte, dabei 
unter der Dorflinde erst die ernste Versammlung der Aeltesten, 
verdrängt durch die heftige Tanzlust der Jüngern, und wohl 
gar die Theilnahme gebildeter Stände. Wie schicklich erschienen 
diese Vergnügungen, gemässigt durch einen braven Land- 
geistlichen, der auch dasjenige, was allenfalls übergriff, was zu 
Händeln und Zwist Anlass geben konnte, gleich zu schlichten 
und abzuthun verstand. 

Auch hier fanden wir unseren ehrlichen Wakefield wieder, 
in seinem wohlbekanntem Kreise, aber nicht mehr wie er 
leibte und lebte, sondern als Schatten zurückgerufen durch des 
elegischen Dichters leise Klagetöne. Schon der Gedanke dieser 
Darstellung ist einer der glücklichsten, sobald einmal der Vor- 
satz gefasst ist, ein unschuldiges Vergangenes mit anmutiger 
Trauer wieder heranzufordern. Und wie gelungen ist in 
jedem Sinne ^em Engländer dieses gemütliche Vorhaben! 
Ich theilte den Enthusiasmus für dieses allerliebste Gedicht mit 
Gottern, dem die von uns beiden unternommene Uebersetzung 
besser als mir geglückt ist; denn ich hatte allzu ängstlich die 
zarte Bedeutsamkeit des Originals in unserer Sprache nachzu- 
bilden getrachtet und war daher wohl mit einzelnen Stellen, 
nicht aber mit dem Ganzen übereingekommen i)." 

Dass diese Stellen in „Dichtung und Wahrheit" dem 
„lyandprediger" in 1813 zu neuer Popularität verhalfen, geht 
aus einem Brief von Zelter an Goethe hervor (d. 12. Febr. 1813). 
„Den Ivandpriester hatte ich vor manchen Jahren englisch ge- 
lesen und seit der Zeit den Priester und das Englische zu- 
sammen vergessen. . . . Nun liegt die deutsche Uebersetzung 
vor mir, und in den nächsten Tagen wird sie gelesen. Ich 
konnte sie schwer erhalten, weil eben jetzt jeder sein Exem- 
plar selber braucht." 



1) Dichtung und Wahrheit, 12. Buch Loeper S. 93. 



— 36 — 

Ein Exemplar des „Deserted Village" schickt Goethe an 
Kestner 1772 mit den Versen ,,Wenn einst nach überstandener 
Lebensmüh und Schmerzen 0-** 

1776 schreibt er an Frau von Stein: „ . . . . Der Vicar 
of Wakefield ist heute von Leipzig ankommen, ich will ihn 
geschwind hefften lassen und dann sollen, sie ihn haben . . . ." 
und einige Tage später „ . . . . hier ist dei lyandprediger 
lassen sie sich's recht wohl mit seyn, und lernen recht viel 
englisch . . . ." 

Ein wichtiges Bekenntnis enthält ein Brief an Zelter, 
d. 25ten December 1829: 

„In diesen Tagen kam mir von ungefähr der Landprediger 
von Wakefield zu Händen, ich musste das Werklein vom An- 
fang bis zu Ende wieder durchlesen, nicht wenig gerühit von 
der lebhaften Erinnerung, wie viel ich dem Verfasser in den 
siebziger Jahren schuldig geworden. Es wäre nicht nach- 
zukommen, was Goldsmith und Sterne gerade im Hauptpunkte 
der Entwicklung auf mich gewirkt haben. Diese hohe wohl- 
wollende Ironie, diese Billigkeit bei aller Uebersicht, diese 
Gleichheit bei allem Wechsel, und wie alle verwandte Tugenden 
heissen mögen, erzogen mich aufs löblichste, und am Ende 
sind es doch diese Gesinnungen, die uns von allen Irrschritten 
des Ivcbens wieder zurückführen 2)/* 

Noch stärker als Herder äussert er sich in einem Gespräch 
mit Eckermann (d. 3ten Dec. 1824) über den allgemeinen Ein- 
fluss Goldsmiths in Deutschland „ . . . . suchen Sie in der 
lyiteratur einer so tüchtigen Nation wie die Engländer einen 
Halt! Zudem ist ja unsere eigene lyiteratur grösstenteils aus 
der ihrigen hergekommen. Unsere Romane, unsere Trauer- 
spiele, woher haben wir sie denn, als von Goldsmith, Fielding 
und Shakespeare 3)?** Und wieder (d. 16ten Dec. 1828) „Ich 
bin Shakespeare, Sterne und Goldsmith unendliches schuldig 
geworden." 

Man sieht also, dass der Einfluss Goldsmiths bei Goethe 
ein tiefer und dauernder gewesen ist: er lässt sich auch viel- 



1) Dichtung und Wahrheit, Loeper Th. III. S. 344, Anmerkung. 

2) Briefwechsel zwischen Göthe und Zelter, Berlin 1834 Bd. V. S. 349. 

3) Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens, von J. P. 
Eckermann Bd. III. 



— 37 — 

fach in seinen Werken verfolgen. Parallelstellen und -Motive 
sind in einem eingehenden Aufsatz von Siegmund I^evy^) zu- 
sammengestellt ; noch einige führt Dr. Arthur Brandeis in einem 
im Wiener Goethe-Verein gehaltenen Vortrag an, wobei er 
gleichzeitig einen schön ausgeführten Ueberblick der Bezieh- 
ungen Goethes zu Goldsmith giebt, 

Nur die wichtigsten Resultate beider Forschungen sollen 
hier kurz angeführt werden. 

Schon Werther 2), wo der .,Vicar" als eines der Lieblings- 
bücher lyottens erwähnt wird, kann einen Landprediger auf- 
weisen, den Pfarrer von St. . , ., der mit mehreren Zügen des 
Vicar von Wakefield ausgestattet ist, und der in einem ähn- 
lichen idyllischen Milieu wohnt. Zu der melancholischen 
Stimmung des Werkes haben, nach Goethes Geständnis die 
beiden Gedichte „The Traveller" und „The Deserted Village*' 
beigetragen. 

Während in seinem ersten Roman die jugendliche Be- 
geisterung Goethes sich auf diese Weise verrät, dürfen wir die 
noch häufigeren Anklänge in seinem letzten, dem „Wilhelm 
Meister", als einen praktischen Beweis seiner gereiften Würdi- 
gung betrachten. In diesem lassen sich verschiedenartige 
Reminiscenzen aus dem „Vicar'* entdecken i). Schon die Idee, 
lyrische Gesänge einzuführen, stammt wohl aus Goldsmith her. 

In beiden Romanen kommt eine wandernde Schauspieler- 
truppe vor, die Gelegenheit dazu giebt, den Zustand des Theaters 
zu besprechen 1) in Stellen, welche Aehnlichkeit mit einander 
aufweisen. 2) 

Wie der Vicar, i) so werden der Pedant (W. M. III, I, IV, I) 
und der Harfner, für blosse Darsteller ihres eigenen Charakters 
gehalten, ebenso wie der fremde Landgeistliche (II, 9). Bei 
letzterem finden sich Züge, die auf Mr. Burchell zurückgehen. 

Auch hat Goethe auffallend viele Ideen in genauer Ueber- 
einstimmung von Goldsmith übernommen. Beispiele davoi^ 
sind 3): „Vicar**, Kap. 28, Ueberschrift, „To make laws complete 
they should retard as well as punish*'. W. M. II, 4 „Ueberall 
weiss man zu verbieten, zu hindern und abzulehnen; selten 



1) Goethe und Oliver Goldsmith, Goethe- Jahrbuch VI. 

2) Chronik des Wiener Goethe- Vereins 1898, Goethe und Goldsmith. 

3) S. Levy, G.-J. VI. 



- 38 — 

aber zu gebieten, befördern und zu belohnen. Man lässt alles 
in der Welt gehen, bis es schädlich wird, dann zürnt man und, 
schlägt drein". ,,Vicar" (Vorbemerkung): ,,A book may be 
amusing with numerous errors, or it may be very duU without 
a Single absurdity", und Kap. 15: „as the reputation of books 
is raised not by their freedom from defect but the greatness 
of their beauties", so Goethe, „Sprüche in Prosa'' Nr. 119, 
und Gespräch mit Eckermann, 11. März 1828: „Wir haben 
in der Litteratur Poeten, die für sehr productiv gehalten 
werden, weil von ihnen ein Band Gedichte nach dem andern 
erschienen ist. Nach meinem Begriffe aber sind diese Leute 
durchaus unproductiv zu nennen, denn was sie machten ist ohne 
Leben und Dauer. Goldsmith dagegen hat so wenig Gedichte 
gemacht, dass ihre Zahl nicht der Rede werth, allein dennoch 
muss ich ihn als Poeten productiv erklären, und zwar eben 
deswegen, weil das Wenige, was er machte, ein einwohnendes 
Leben hat, das sich zu erhalten weiss.* 

Das Kunstmittel des Verfassers, wodurch er Burchell sich 
verraten lässt, indem er aus der dritten Person in die erste 
fällt 1), (Vgl. Dichtung und Wahrheit Buch X, Loeper S. 198), 
wird von Goethe in „Lilis Park" angewendet. 

Auch Stellen im „Faust" klingen an den „Vicar" und an 
„The Traveller'* und „The Deserted Village** an. Levy ver- 
gleicht mit ,,Wer Recht behalten will, und hat nur eine Lunge, 
behält's gwiss'' das ganze Verhalten der Mrs. Primrose im 
3ten Kapitel, und „Deserted Village" v. 211; und Martha in 
der Gartenscene erinnert ibn an Mrs. Primrose im lOten und 
16ten Kapitel. 

Zu „Faust" V. 2862 (Düntzer) stellt er „Traveller" vv. 49, 
50, und zu Fausts zweitem Gespräch mit Mephisto, ,,Mein 
Busen .... soll keinen Schmerzen künftig sich verschliessen*' 
u. s. w., ,, Traveller'' vv. 101, 102, und v. 55 ff.; zu „Faust" 
V. 5615 ff., und v. 6935 ff. (Fausts letzte Thätigkeit), „Traveller** 
V. 281 (Holland). Goethes Aufsatz „Die Natur" 1780, und 
„Sprüche in Prosa*' Nr. 61 ist mit „Traveller" v. 212 ff. zu ver- 
gleichen. 

Zu zwei Werken Goethes haben Gedichte Goldsmiths An- 
lass gegeben: „Die Oper „Erwin und Elmire*' war aus Gold- 
smiths liebenswürdiger, im ,,Iyandprediger von WakefieW ein- 

1) „Vicar" Kap. 3. 



--- 39 - - 

gefügter Romanze entstanden, die uns in den besten Zeiten 
vergnügt hatte, wo wir nicht ahneten, dass nns etwas ähnliches 
bevorstehe i)** ; dasselbe Motiv hat Goethe später noch zweimal 
behandelt in den Balladen „Der Müllerin Reue** (1797) und 
„Wanderer und Pächterin** (1804) ; hier ist aber die Entlehnung 
weniger direkt wie in der Oper. 

Gqethe's „Wanderer** (1771) enthält die Grundidee von 
Goldsmiths „Traveller**. Der Gegensatz von Natur und Kunst 
in beiden Gedichten wird von Levy hervorgehoben ; unter seinen 
angeführten Vergleichen findet sich auch der zwischen „Traveller** 
v. 81 fF- und V. 159 fF. und der Stelle im „Wanderer**, „Natur, 
Du ewig keimende**. 

„Hermann und Dorothea** hat entschieden die ganze idyllische 
Stimmung vom „Vicar**, und dem „Deserted Village**, der 
Prediger ist sogar sichtbar nach Goldsmith'schem Vorbild ge- 
zeichnet. Das Streben der Familie des L/andpredigers es den 
Reichen nachzuthun, „Vicar** Kap. 10, 12, 24. Ueberschrift von 
Kap. 10 „The Family endeavour to cope with their betters**, 
entspricht der Stelle bei Goethe: 

„Dem Reichen stets und dem Höhern wenig vermögend 
Nachzuahmen gewohnt sind, besonders die Weiber und Mädchen**, 

,,Der Ausspruch von Goethe*s Prediger" sagt Levy, „,Des 
Todes rührendes Bild* u. s. w., wiegt die ganze Predigt auf, 
welche der Vicar im 29sten Kap. über den verwandten Text: 
*Die Ausgleichung im Leben nach dem Tode* hält.** 

Einen weiteren Anlass zur Vergleichung findet Levy in 
,, Hermann und Dorothea** und dem ,,Goodnatured Man** inso- 
fern, als Dorothea bei Goethe und Young Honeywood bei 
Goldsmith ihre Liebe erst bekennen, nachdem sie sich ent- 
schlossen haben, ihr zu entsagen. Eine ähnliche Entlehnung 
aus dem „Vicar'* findet sich im letzten Buch von ,, Wilhelm 
Meisters Lehrjahren*' Kap. 7 ; Wilhelm und Natalie verraten 
ihre Liebe zu einander, wie Sophie ihre Liebe zu Sir William 
Thornhill, als ihnen ein anderer Heiratsplan vorgeschlagen 
wird. 

Wir haben in Vorstehendem auf die unbedingte Würdigung 
hingewiesen, welche Goldsmiths Werke in Herders Kritik 
fanden — und in Verbindung damit die dadurch bedingte in- 



1) Dichtung und Wahrheit, Buch 19, Loeper S. 95. 



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direkte, sowie eine direkte Einwirkung dieses englischen Dichters 
auf Goethes poetische Gestaltungen hervorgehoben. 

Indem wir uns nun zur Besprechung von Vossens Be- 
ziehungen zu Goldsmith wenden, finden wir in der „Luise** die 
direkten Spuren von Goldsmith. Und da Goethes „Hermann 
und Dorothea** auf dem Vorbild der ,, Luise" beruht, so finden 
wir in diesem Werk, ausser unmittelbar auf Goldsmith zurück- 
gehenden Einwirkungen auch solche, welche ihm durch Ver- 
mittlung der „Luise** zugekommen sind. 

Schon früh finden sich bei Voss Anklänge an Goldsmith. 
Im ,,Bettler'* (1777), wie im ,,Vicar" wird ein Pfarrer seines 
Amtes entsetzt; nur geschieht es da aus einem anderen und 
zwar sehr naheliegenden Grund; er wird nämlich , »falscher 
Meinung angeklagt". Vielleicht ist der schon im Jahre vorher 
erschienene ,,Sebaldus Nothanker'* hier von Einfluss gewesen. 

Wie der Vikar von Goldsmith, nachdem sein eignes Haus 
verbrannt, von seinen Nachbarn mit allem Nötigen versorgt 
wird, so ist es hier ein armer Bauer der Gemeinde, der den 
Pfarrer in sein Häuschen aufnimmt. Ein kleiner Zug ist offen- 
bar aus dem ,,Vicar** entlehnt; als der Vikar ins Gefängnis ge- 
bracht werden soll, versuchen seine Pfarrkinder die Gerichts- 
diener daran zu verhindern; aber der Vikar bringt sie mit 
tadelnden Worten von ihrem Vorhaben ab. Aehnlich empört 
sich die Gemeinde im „Bettler** über das Urteil: 
„Und als er, falscher Meinung angeklagt. 
Durch Schleicher endlich Amt und Brot verlor, 
Wie alle flehten, alle jammerten, 
Bis Folgsamkeit der Pfarrer selbst gebot.** 

Der allgemeine Einfluss Goldsmiths zeigt sich in fast allen 
ländlichen Gedichten von Voss, wie zum Beispiel in den 
„Idyllen** und in dem „Siebzigsten Geburtstag** (1781). Be- 
sonders aber tritt derselbe in der „Luise** (1784), seinem Haupt- 
werk, hervor; die behagliche Schilderung des Landlebens und 
seiner kleinen Freuden, und des häuslichen Glücks des von 
seiner Gemeinde geliebten Pfarrers, das alles ist ganz im Tone 
von Goldsmiths ,,Vicar** geschrieben; aber direkt daraus ist 
nicht viel entlehnt. Das Fest im Walde, wo Luise der Gesell- 
schaft vorsingt, erinnert an die ähnlichen Feste auf der Rasen- 
bank, die im „Vicar** beschrieben werden, wo die Kinder Kon- 
zerte veranstalten, zuweilen auch die Töchter daran teilnehmen ; 



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besonders erinnert es aber an jenen „Mittag auf freiem Felde", 
der von dem jungen Squire gestört wurde. Sonst ist nur eine 
einzige, sehr kleine Uebereinstimmung zu erwähnen, die jedoch 
auch Zufall sein könnte. Als der Vikar seinen Sohn ins Leben 
hinausschickt, citiert er mit besonderer Hervorhebung den 
Spruch „Ich bin jung gewesen, und bin alt geworden; aber 
den Gerechten sah ich nie verlassen, oder seinen Samen nach 
Brot gehen." Voss legt ihn auch in den Mund des Pfarrers 
von Grünau, als er seine Tochter trauen will. 

Weniger wichtig, aber doch bemerkenswert in diesem Zu- 
sammenhang sind Gleim, Hölty tmd Bürger. Für Gleim ist 
der Vicar das Muster eines Theologen: 

„Den Theologen willst Du bilden .... 

Bild ihn zu keinem Friedrich Mayer, 

Bild ihn zu einem Wakefield, 

Zum Mann, der Lehr auf Leben gründet 

Und immer lieber löst als bindet, 

Den, welcher uns und sich betrog." 
Hölty hatte, wie er selbst sagt „den grössten Hang zur 
ländlichen Poesie", der wohl durch sein Landleben in der 
Jugend gestärkt wurde. Wenn daher bei ihm von Goldsmiths 
Einfluss keine direkten Nachklänge aufzufinden sind, so ist es 
unmöglich nachzuweisen, in wie weit er auf ihn gewirkt hat. 
Goldsmiths Einfluss auf Bürger fällt nur in einem seiner 
Gedichte in's Auge, in „Des Pfarrers Tochter zu Taubenhain" 
(1781), welches die gewöhnliche Geschichte vom treulosen 
Junker behandelt. Hier ist die Heldin, wohl in Erinnerung 
an Olivie, zur Pfarrerstochter geworden. Die Romanze im 
„Vicar" hat Bürger behandelt in „Der Bruder Graurock und 
die Pilgerin" (1781); er hat den Stoß aber direkt „Percy's Re- 
liques" entnommmen. 

Becensionen yon Ooldsmiths Werken. 

Unsere Abhandlung würde unvollständig sein, wenn wir 
nicht auch der Recensionen, welche Goldsmiths Werke in 
Deutschland hervorriefen, Erwähnung thun wollten. Man ge- 
winnt dadurch einen interessanten Einblick in das litterarische 
Urteil der Zeit, in welchem wir durchgehends einer nur massi- 
gen Würdigung der Verdienste Goldsmiths begegnen. 



— 42 - 

Auffallend ist die Thatsache, dass die euglischen Kritiken 
den „Vicar" bei seinem Erscheinen mit Stillschweigen über- 
gingen. In Deutschland wurde die erste Ausgabe in zwei Zeit- 
schriften recensiert. In den „Göttinger Gelehrten Anzeigen*' 
(Stück 82 den 11. Julii 1767) wurde eine kurze Notiz gedruckt 
mit einer Analyse des Inhalts. Es fällt auf, dass der Roman 
als „die Geschichte der beyden ältesten Töchter des lyand- 
priesters" beschrieben wird. Sonst wird keinerlei Kritik beigefügt 
ausser der Bemerkung „der Leser dieses Romans wird durch unter- 
schiedene, nicht eben gemeine Lagen unterhalten", DieRecen- 
sion ist aber interessant, wisil daraus hervorgeht, dass der Humor 
des „ Vicars" Eindruck auf den Verfasser gemacht hat ; er citiert 
mit sichtbarer Freude die Stelle, wo das Schicksal des jungen 
Herrn Thornhill beschrieben wird: „dass er auf dem Fusse 
eines Gesellschafters in dem Hause eines Verwandten wohnet, 
wo er sehr wohl gelitten ist, und selten an den Nebentisch ge- 
setzt wird, ohne nur wenn an der Haupttafel kein Raum ist, 
denn sie machen mit ihm keine grossen Umstände. Seine Zeit 
wird meistens damit zugebracht, seinen Verwandten, der etwas 
schwermütig ist, bei gutem Mute zu erhalten, und das Waldhorn 
blasen zu lernen". 

Die zweite Recension befindet sich in der „Allgemeinen 
Deutschen Bibliothek" 1768, und ist weit eingehender. „Die 
Geschichte ist wohl geschrieben, voller Salz und in einem Tone, 
der genau zu ihrem Gegenstande passt. Man glaubt den ehr- 
würdigen Priester selbst zu hören, der bei seiner anständigen 
Ernsthaftigkeit nicht unterlässt munter, und auf eine naive Art, 
witzig zu sein. Man wird nicht leicht, um der Geschichte ge- 
schwinder zu folgen, eine seiner Ausschweifungen überschlagen. 
Nur bei der Entwicklung fällt der Verfasser in das platt- 
erzählende: er ist zu sehr mit der Auilösung seines Knotens 
beschäftigt, dass er darüber seinen Ton umstimmt. Dem unge- 
achtet werden die Leser dieses Buch nicht mit Unzufriedenheit 
aus der Hand legen." 

Ausserdem erschien eine Recension von der 1769 in der 
Sprache des Originals gedruckten Ausgabe des Vicars, die „für 
diejenigen" eingerichtet war, „die die englische Sprache lernen 
wollen." Der Roman ist also schon beim ersten Erscheinen, 
wie noch heutzutage, zur Erlernung der englischen Sprache 
gebraucht worden. Der Recensent schreibt voller Begeisterung ; 



„Wenig Romaiischreiber haben die K'u'asf ;sa Wierdie^ Ver- 
fasser verstanden, aus den geringfügigsten Umständen des 
menschlichen Lebens, die wichtigsten Situationen zu ziehen. 
Das Privatleben eines Dorfpfarrers ! Wie unwichtig und ein- 
förmig wird es nicht Manchem scheinen, und wie vortrefflich 
hat doch Oliver Goldsmith, der Verfasser dieses Romans es zu 
brauchen gewusst.*' 

Von „The Goodnatured Man" erschien in der „Bibliothek 
der schönen Wissenschaften und freien Künste" 1768 eine 
Recension: „Die Charaktere in dem gutherzigen Manne sind 
vortrefiFlich gezeichnet, wohl contrastiret, und sehr schön aus- 
geführet". Nach einer kurzen Schilderung der Charaktere sagt 
der Recensent: „Diese Personen spielen stets auf einander und 
geben dadurch zu solchen launigen Scenen Gelegenheit, als seit 
langer Zeit in keinem englischen Lustspiele erschienen sind". 

Von Wittenberges Sammlung „einiger der besten Schau- 
spiele aus dem Französischen und Englischen", welche, „Sie 
lässt sich herab um zu siegen" enthält, sind zwei sehr von 
einander abweichende Notizen erschienen; diejenige in der 
„Allgemeinen deutschen Bibliothek" Bd. 25, ist sehr günstig 
gehalten; sie giebt zuerst den Gang der Handlung und die 
Zeichnung der Charaktere kurz an, und schliesst mit der Be- 
merkung, das Stück sei „sonst sehr lebhaft, hat viel Interesse, 
gut gezeichnete Charaktere und guten Dialog , . . . Uebrigens 
geben wir Hr. W. das Lob eines meistens getreuen, und doch 
ungezwungenen Uebersetzers. — Ob nur aber die Uebersetzungen 
so sehr Not thun, wie er glaubt? . . . ." 

Die andere Recension dieser Sammlung erschien in den 
„Frankfurter Gelehrten Anzeigen" 1775: „Einige der besten 
Schauspiele" citiert der Verfasser aus dem Titel, „und doch 
nur ein gutes*'; mit diesem einen guten meint er gewiss 
nicht das von Goldsmith, denn er beschreibt es später als ein 
„Stück voll Irrungen, worinnen man den Verfasser des „lyand- 
priesters*' vergebens wieder zu finden hofft"; und an einer 
anderen Stelle erwähnt er: „ . . . . das Einzige, was noch Gold- 
smithen verräth, die Feinheiten des Dialogs . . . ." Auch der 
Uebersetzer kommt nicht ohne scharfen Tadel davon : „In seiner 
Vorrede thut er, als wenn er allein wüsste, was Dialog wäre, 
und man kann keinen kraftloseren^ schleppenderen und un- 
natürlicheren finden, als den Seinigen. Wahre dramatische 



• »t • • • • 

Meisterstijdccy'köniieuuii ihren wesentlichern Schönheiten auch 
. • - • 

von dem grössten Stümper nie ganz verdunkelt werden .... 
Wäre es aber möglich, und wären dies hier Meisterstücke, so 
würden wir es von Herrn W. behaupten". 

Einige Hauptverdienste Goldsmiths sind in diesen Recensionen 
hervorgehoben, der Humor, die Charakterzeichnung, der Dialog, 
und die Kunst, das alltägliche interessant zu machen; zwei 
Punkte aber von denen man erwartet hätte, dass sie dem Kritiker, 
insbesondere bei der Beurteilung des „Vicar" ins Auge ge- 
fallen wären, sind entweder nur flüchtig, oder gar nicht erwähnt : 
die Anmut und Ivcichtigkeit des Stils, die einen der grössten 
Reize des Werkes ausmachen, und die Neuheit des Stoffes, die 
so viel zu seiner Popularität in Deutschland beitrug. 

Wenn wir sehen, welch' liebevolle Aufnahme der „Vicar" 
im fremden lyande fand, wie er, vom deutschen Volksbewusst- 
sein gehegt und bewundert, sich zu neuem Leben entwickelte, 
so ist das Werk wohl einer Blume zu vergleichen, welche aus 
der Heimet in's Ausland verpflanzt, trotz ungewohntem Boden, 
unter der Hut sorgsamer Gärtner sich allmählich zu neuer Blüte 
entfaltet. 



Lebenslauf. 

Geboren wurde ich, Hertha Beatrice Coryn SoUas, 
Tochter von William Johnson Sollas und Helen, geb. Coryn, am 
29. August 1875 in Cambridge. Nachdem ich vier Jahre die 
Alexandra-Schule und fünf Jahre das Alexandra College in Dublin 
besucht hatte, bezog ich (1897) die Universität Cambridge als 
Studentin von Newnham College. Nach dreijährigem Studium 
bestand ich die höhere Abgangsprüfung für Germanistik (Medieval 
and Modern Languages Tripos, German and Germanic Sections) 
im Jahre 1900, und setzte fünf Semester lang meine Studien in 
Heidelberg weiter fort. Vorlesungen hörte ich in Cambridge bei 
Herrn Dr. Breul, in Heidelberg bei den Herren Professoren 
Braune, Hoops, Neumann und von Waldberg ; allen diesen Herren 
fühle ich mich zu ehrerbietigem Dank verpflichtet, besonders aber 
Herrn Dr. Breul in Cambridge und Herrn Prof. von Waldberg, 
der mir bei vorliegender Arbeit stets mit seinem Rate aufs 
freundlichste zur Seite stand. Auch dem Präsidium von Newnham 
College möchte ich für die mir durch Verleihung des Marion 
Kennedy Studentship (1SK)1 — 1901) geleistete Unterstützung meinen 
besten Dank aussprechen. 



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THIS BOOK IS DXJE ON THE LAST DATE 
8TAMFED BELOW 



AN INITIAL FINE OF 25 CENTS 

WILL BE ASSESSED FOR PAILURE TO RETURN 
THIS BOOK ON THE DATE DUE. THE PENALTY 
WILL INCREA8E TO SO CENTS ON THE POURTH 
DAY AND TO $1.00 ON THE 8EVENTH DAY 
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